Artikel & Interviews

Dankbarkeit als Lebenskunst

veröffentlicht in SPIRIT live Nr. 26 Sept./Nov. 2015

Als ich nach meinem Herzinfarkt die Klinik verließ und draußen an der frischen Luft in den Himmel hinaufschaute, da durchströmte mich ein so tiefes Gefühl der Dankbarkeit und zum ersten Mal verstand ich wirklich, dass das Leben ein Geschenk ist, es uns gegeben ist.

Und dazu musste ich so alt werden, um das zu erkennen“, sagt lächelnd die damals 85-jährige Zen-Lehrerin Blanche Hartmann bei einem Gespräch im November 2011 im Zen-Zentrum von San Francisco, und ihr Gesicht erstrahlt in Erinnerung an diesen besonderen Moment.

Solche Momente kennen sicher viele von uns, Augenblicke, in denen uns plötzlich in überwältigender Klarheit die Bedingungen unserer Existenz deutlich werden. „Unser Dasein, die Welt. Alles ein Geschenk. Und die einzig passende Antwort darauf ist: Dankbarkeit“, sagt der Benediktinermönch Bruder David-Steindl-Rast. Für ihn ist Dankbarkeit die Quintessenz eines erfüllten Lebens.

Segen
Dankbarkeit wird aber längst nicht mehr nur von spirituell oder religiös orientierten Menschen wertgeschätzt. Auch den Ruf als doch etwas verstaubte Tugend aus Großmutters Zeiten hat sie verloren, seitdem Psychologie, Medizin und Neurowissenschaft ihr segensreiches Wirken erforschen. Mittlerweile wird sie auch von wissenschaftlicher
Seite als wichtiger Baustein eines glücklichen Lebens anerkannt.

Regelmäßig praktizierte Dankbarkeit hat, so haben zahlreiche Studien ergeben, große und
nachhaltige Wirkungen auf das körperliche wie seelische Wohlergehen. Dankbarkeit weist eine der stärksten Verbindungen zu seelischer Gesundheit und Lebenszufriedenheit auf, mehr als jede andere Haltung, sogar mehr als Optimismus, Hoffnung oder Mitgefühl. Sie stärkt das Immunsystem, verbessert den Umgang mit Stress und wirkt positiv auf das Herz/Kreislaufsystem und die Blutdruckregulation.

Wer dankbar ist, verhält sich hilfsbereiter, und das wiederum verbessert die eigenen sozialen Beziehungen. Wer dankbar ist, kann positive Erfahrungen mehr genießen und erlebt weniger negative Gefühle wie Ärger, Eifersucht, Groll oder Schuld. Man kann einfach nicht gleichzeitig dankbar und ärgerlich oder feindselig sein. Von daher ist Dankbarkeit eine wunderbare Arznei gegen Ärger, Wut und andere uns oft plagenden
Emotionen.

Hürden
Es gibt also mehr als genug Gründe, der Dankbarkeit im eigenen Leben einen größeren Platz einzuräumen. Wären da nicht so manche kleinere oder größere Hürden.

Deren größte für ein dankbares Leben ist, dass wir so vieles für selbstverständlich halten
und oftmals eher auf das, was uns vermeintlich noch zu unserem Glück fehlt, also auf den Mangel, ausgerichtet sind. Dadurch nehmen wir uns eine wichtige Quelle der Freude, die sich aus dem Entdecken der unser Leben ausmachenden Fülle speist. Diese offenbart sich uns, wenn wir den Dingen und Begebenheiten den Schleier des Selbstverständlichen nehmen.

Der buddhistische Meditationslehrer James Baraz bezeichnet Dankbarkeit als eine Art Scheinwerfer, der das erhellt, was bereits vorhanden ist. Lüften wir den Schleier des Selbstverständlichen, wird die uns so vertraute Welt, unser alltägliches Leben zu einem Entdeckungsort für Freudvolles und zugleich Überraschendes. Wir beginnen wieder zu staunen.

Wurzel
Für Bruder David Steindl-Rast ist Dankbarkeit die Wurzel jeder Religion, sie setzt zudem keinen Glauben an irgendwelche Dogmen oder komplizierte Rituale voraus und ist von daher so überaus zeitgemäß. Ihre „Belohnungen“ lassen auch nicht lange auf sich warten.

Während es bei einigen spirituellen Praktiken manchmal Jahre dauern mag, bis sich „Erfolge“ einstellen, werden sie bei der Dankbarkeit sofort spürbar – in Form von
Freude, Wertschätzung und Glück.

Dankbarkeit als spirituelle Übung verstanden, bringt uns zu dem, was jede spirituelle Tradition zu verwirklichen versucht: ins Hier und Jetzt. Denn in dem Augenblick, in dem wir dankbar sind, sind wir gegenwärtig und damit wir selbst.

Lebenskunst
So verstandene Dankbarkeit ist eine Art Lebenskunst, eine Haltung, die wir anderen, uns selbst, dem Leben, der Welt entgegenbringen. Und zwar grundsätzlich und nicht mehr abhängig von unseren Gefühlen, Stimmungen und Launen. Sie zeigt sich darin, wie wir uns in Alltagssituationen verhalten, wie wir da unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Dankbarkeit als Lebenskunst ist ein Weg, der uns von Beginn an mit den schönsten Ausblicken belohnt, aber der manchmal auch durch steiniges Gelände führt, wo eine Orientierung schwer fallen mag.

Es ist ein Übungsweg, und wie alle diese Wege keiner, der linear und auf dem schnellsten Weg von A nach B führt, sondern der eher in Form einer Spirale verläuft. Wir werden
denselben Hindernissen und Fallstricken immer und immer wieder begegnen, aber stets aus einer etwas anderen Perspektive – und irgendwann sind sie dann vielleicht verschwunden.

Der Einstieg gelingt am einfachsten in Zeiten, in denen es uns gut geht und es uns leicht fällt, uns, unser Umfeld, ja die ganze Welt mit den Augen der Dankbarkeit zu betrachten.

Geschenk
Allmählich können wir dann lernen, das Spektrum dessen, was wir als Geschenk ansehen, mehr und mehr zu erweitern, bis wir schließlich auch schwierige Erfahrungen als Geschenk anzunehmen vermögen. Für Schmerzhaftes, für Krankheiten und Kränkungen als solche werden wir kaum dankbar sein können.

Doch wir können, wie David Steindl-Rast sagt, in solchen Geschehnissen und
Erfahrungen, die ja nun einmal da sind, nach den Gelegenheiten, die sie uns bieten, forschen – und für diese Gelegenheiten können wir dankbar sein.

Gerade Schwieriges und Schmerzhaftes ist oft für Entwicklungen, die wir heute gar nicht mehr missen mögen, unabdingbar gewesen. Das Schwierige, Leidvolle, hat uns die Gelegenheit zu lernen, zu wachsen gegeben, hat uns Wege einschlagen lassen, die wir sonst nicht gegangen wären, uns mit Menschen zusammengebracht, die wir sonst nie kennengelernt hätten.

Dankbarkeit lässt uns mehr und mehr auf das ausrichten, was uns wirklich wichtig und wesentlich ist, und unterstützt uns dabei, die Stimme unserer Sehnsucht zu hören und ihr zu folgen.

Sie befreit uns von der Ausrichtung auf den Mangel, das, was angeblich immer noch fehlt zu unserem Glück, indem sie uns mit der Fülle in Verbindung bringt. Und die liegt letztlich in unserer Verbundenheit mit allem. Wenn wir dessen immer gegenwärtiger werden, werden wir im täglichen Leben behutsamer, wohlwollender, pfleglicher mit Menschen, Tieren und Dingen umgehen.

Dies wiederum verstärkt unser Gefühl der Verbundenheit, der wechselseitigen Abhängigkeit, der Bedingtheit unseres Lebens. Und mit immer tieferer Wertschätzung für dieses verflochtene Netz namens Leben erfahren wir diese Verbundenheit als Geborgenheit.

Mehr und mehr erkennen wir, dass unser Leben letztlich ein „getragenes“ Leben ist. Wir sind getragen von einem großen, unteilbaren Netzwerk, zu dem auch wir selbst unabdingbar gehören. Und die Antwort auf diese Erfahrung kann nur Dankbarkeit sein.

Ursula Richard

Ursula Richard praktiziert seit mehr als 30 Jahren Zen.
Dankbarkeit als Lebenskunst lernte sie durch den Benediktinermönch
Bruder David Steindl-Rast kennen und
lieben. Sie ist Chefredakteurin von Buddhismus aktuell,
Verlegerin und Autorin.
www.ursularichard.de
Lesetipp:
Ursula Richard
Dankbarkeit macht glücklich
112 Seiten, 7,99 Euro
Scorpio Verlag

dankbarkeit


 

Erschienen in Connection

Eingebunden im Ganzen: Die dunkle Seite der Verbundenheit

Es kommt drauf an womit du dich verbindest

Verbundenheit ist schön, jeder mag sie irgendwie. Und es ist auch klug und außerdem sehr modern, zu sagen, dass alles mit allem verbunden ist, wer wollte da widersprechen. Aber auch dieser Gemeinplatz hat seine widerborstige, andere, dunkle Seite: Wenn die Verbundenheit mit anderen nur eine neue Fraktionsbildung meint und nicht »das Ganze«, das wirklich allumfassend Ganze, dann ist sie kein Fortschritt

„Langsam dämmerte uns, welch hohen Preis das triumphierende »Ich will aber« im Grunde hat. »Verbundenheit« satt »wechselseitige Abhängigkeit« ist kuschliger. Das für das Ich Bedrohliche haben wir damit eliminiert. »Wenn jemand auf den Fuß eines anderen tritt, ist es die Zunge, die sagt: ›Sie sind mir auf den Fuß getreten.‹«

Meister Eckhardt

Von Ursula Richard

Alles ist mit allem verbunden – dieser Satz ist mittlerweile zu einem spirituellen Allgemeinplatz geworden. Vielleicht war er das auch schon immer. Möglicherweise geht uns das Sprechen über die All-Verbundenheit auch deshalb so leicht von den Lippen, weil sie bis zu einem bestimmten Punkt so evident ist. Nehmen wir ein beliebiges Ereignis und versuchen zu erkunden, welche Bedingungen zu diesem beigetragen haben, dann verlieren wir schnell den Überblick oder kommen »vom Hölzchen aufs Stöckchen«, denn so vieles hat unmittelbar und mittelbar zu dem Ereignis beigetragen, dass wir irgendwann kapitulieren und zugestehen müssen: Wohl alles nur Denk- und Vorstellbare und auch das Nichtdenk- und Nichtmehrvorstellbare hat seinen Anteil daran gehabt.

Das können faszinierende Gedankenspiele sein, die uns den Eindruck vermitteln, der ganze Kosmos sei daran beteiligt, wenn wir uns morgens den Pullover anziehen. Verbundenheit wird in dieser Perspektive in seinen Aspekten der, buddhistisch gesprochen, wechselseitigen Abhängigkeit und Leerheit zumindest erahnbar. Diese zentralen buddhistischen Konzepte besagen, dass nichts aus sich selbst heraus existiert und damit auch keine Eigenexistenz besitzt, sondern leer ist, substanzlos und ohne feste Grenzen; alles und jedes existiert nur aus dem Zusammenspiel vielfältiger Faktoren, wenn man so will: des ganzen Kosmos.

 

Wir wollen unabhängig sein

»Verbundenheit«, das Wort klingt schöner und wärmer als das kühl abstrakte der »wechselseitigen Abhängigkeit. Wer möchte sich nicht verbunden fühlen, das wollen wir doch schon, seit wir als Kleinkinder aus der Einheit herausgefallen sind und uns langsam dämmerte, welch hohen Preis das triumphierende »Ich will aber« im Grunde hat. Abhängigkeit und Leerheit dagegen haben eher einen negativen Beigeschmack. Wir möchten doch nicht abhängig sein und schon gar nicht in jeder Lebensäußerung oder gar der Existenz überhaupt! Stephen Batchelor hat das zutiefst Beunruhigende daran einmal deutlich gemacht, indem er sich und uns in seinem Buch Mit dem Bösen leben in dem Kapitel »Das hätte nie geschehen müssen« die Fragilität des eigenen Lebens vor Augen führte:

»Ich war ungefähr sechzehn, als meine Mutter unabsichtlich meine instinktive Überzeugung erschütterte, meine Existenz sei notwendig. Es war Weihnachten. Sie und ihre Schwester blätterten am Küchentisch ein Fotoalbum durch. Sie kamen zu dem Schnappschuss eines Mannes in Militärkleidung – zusammengekniffene Augen gegen die Wüstensonne, zwischen den Zähnen eine Pfeife. Meine Mutter sagte: »Wenn die Dinge anders verlaufen wären, wäre er dein Vater gewesen.« Ich dachte: Wäre er mein Vater gewesen, hätte es dann mich gegeben?«

 

Hätte es mich nicht geben müssen?

»Dieser jugendliche, flüchtige Einblick in meine eigene Bedingtheit hat mich seither nicht mehr losgelassen«, schreibt Stephen Batchelor weiter. »Trotz meiner intuitiven Überzeugung, meine Gegenwart in der Welt sei irgendwie notwendig, nagt ständig an mir die heimtückische und verunsichernde Möglichkeit, dass es mich gar nicht hätte geben müssen. Mal abgesehen von der Wahl ihres Geliebten, hätte ein anderes der unzähligen Spermien meines tatsächlichen Vaters die Eizelle meiner Mutter befruchtet, wäre das Kind, das aus der Mischung dieser Chromosomen hervorgegangen wäre, ich gewesen? Oder wäre das gleiche Spermium in ihrem nächsten Eizyklus vorgedrungen, wäre dieses Baby ich gewesen?

Oder hätte die Waffe des Polizisten, der die Kugel abfeuerte, die Erwin von Scheubner-Richter am 9. November 1923 tötete, nur einen Bruchteil nach rechts gezielt, hätte sie den Mann getroffen, dessen Arm mit dem seinen verbunden war: Adolf Hitler. Wäre Hitler in diesem Moment gestorben, wären sich meine Mutter und der Mann, den sie vielleicht geheiratet hätte, höchstwahrscheinlich nie in der nordafrikanischen Wüste begegnet. Der gleiche Schuss hätte in unvorhersehbarer Weise all die zahllosen Umstände, Entscheidungen und Ereignisse durcheinandergewirbelt, die dazu führten, dass sie ein paar Jahre später meinen tatsächlichen Vater kennen lernte.«

 

Der Abgrund der Leere

Das Abhängige Entstehen zieht uns auch insofern den Boden unter den Füßen weg, als es direkt auf das Konzept des Nicht-Ich verweist, also darauf, dass es dieses Ich, das für uns so selbstverständlich der Bezugspunkt ist, der uns immer zum Mittelpunkt unseres eigenen Kosmos macht, so nicht gibt. Dieses Ich, das sowohl der Buddhismus in seiner Analyse der Natur des Geistes nicht gefunden hat, als auch die Neurowissenschaft nicht, die auch mit ihren Mitteln keinen Dirigenten oder Herrscher ausmachen konnte. Die Neurowissenschaft ist damit sogar noch einen Schritt über die Aussage Freuds hinausgegangen, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist – und dennoch haben wir alle dieses meist recht solide Ich-Gefühl, um das wir permanent kreisen.

Beim Reden darüber, dass alles mit allem verbunden ist und auch »ich« mit allem verbunden bin, versuchen wir uns da nicht auch ein bisschen um die Aspekte von Bedingtheit und Nicht-Ich herumzumogeln? Manchmal scheint es mir so. Sich die Bedingtheit der eigenen Existenz so vor Augen zu führen, wie Stephen Batchelor das exemplarisch tut, führt einem den Abgrund vor Augen, vor dem man unweigerlich steht oder auf den man sogar zurast.

»Da hält sich ein Mann nur noch mit seinen Zähnen an einem Ast fest. Mit seinen Händen kann er keinen Ast erreichen. Unter dem Baum steht ein anderer Mann und fragt ihn, nach dem Sinn von Bodhidharmas Kommen aus dem Westen. Wenn er nicht antwortet, ist das unhöflich. Antwortet er, verliert er sein Leben.« Dies ist ein bekanntes Zen-Koan, in dem es darum geht, sich den unerbittlichen Tatsachen des Lebens und der eigenen wahren Identität zu stellen und darauf eine Antwort zu finden.

 

Das Übersetzen verschiebt die Bedeutung

Sich in ein Gefühl der Verbundenheit hineinzukuscheln, das fühlt sich einfach besser an, als uns mit unserem menschlichen Dilemma tatsächlich zu konfrontieren. Wenn ein bei uns recht bekannter Zen-Meister ernsthaft meint, die Aussage eines Schülers in einem Retreat: »Ich könnte die ganze Welt umarmen«, sei Ausdruck einer Erleuchtungserfahrung und nicht eines Geisteszustands, den Hunderttausende Fußballanhänger in den Stunden erleben, in denen ihre Mannschaft siegreich ist, dann wird Verbundenheit zu einer harmlosen Verbrüderung, die sich auch wieder schnell legt, wenn die Stimmung eben eine andere geworden ist.

Das Sanskritwort sati wird bei uns im Deutschen mit Achtsamkeit übersetzt. Sati enthält aber Bedeutungen, die in dem deutschen »Achtsamkeit« nicht enthalten sind. So findet auf dem Weg der Übertragung spiritueller Begriffe aus einer asiatischen in eine westliche Sprache und in westliche Konzepte oft eine Komplexitätsreduktion statt und damit auch eine Bedeutungsverschiebung. Die führt manchmal zu großen Unklarheiten und Missverständnissen. So ähnlich scheint mir heute vielfach auch eine Komplexitätsreduktion bei manch spirituellem Verständnis von Verbundenheit stattgefunden zu haben. Geblieben ist, überspitzt formuliert, das Warme, Kuschelige; das für das Ich Bedrohliche und Angstauslösende ist eliminiert.

 

Einheitsgefühl im Marinekorps

Wie wenig folgenreich Sich-Verbunden-Fühlen sein kann, zeigte der Vietnam-Veteran Victor Israel Marquez im Gespräch mit dem legendären amerikanischen Radiomoderator und Interviewer Studs Terkel. Terkel erzählte von seinen grausamen Kriegserfahrungen, dem Morden und Sterben, und sagte dann, dass wir alle eins sind: »Im Marinekorps, da hält man wirklich zusammen, wir sind wirklich Brüder, nicht wie Leute, die rumgehen und einfach so dahinsagen: ‚Hey Bruder‘, sondern wir sind Brüder … Es war, als müssten wir eine Einheit, ein Ganzes bilden. Gerade so wie im Leben auch nach dem Tod. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube, wir sind alle eins, okay?  … Die waren unser Feind, und ich war ihr Feind. Meiner Meinung nach waren die auch nicht anders als ich. Nur bin ich auf der einen Seite gestanden, sie auf der anderen. Wir haben unsere Sache wirklich gut gemacht.«

Ein offenes Geheimnis ist, dass unsere tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit und Dazugehörigkeit zudem vielfach ausbeutbar ist. Ihrer haben sich die großen Diktaturen des letzten Jahrhunderts ebenso bedient wie moderne Werbestrategen und (falsche) Gurus. Nur allzu deutlich ist mittlerweile geworden, was Menschen zu tun bereit sind, um Verbundenheit zu spüren und sich als Teil eines Ganzen oder Volkskörpers zu empfinden. Um ihre Verbundenheit aufrechterhalten und leben zu können, sind sie im Extrem bereit, zu denunzieren, zu bespitzeln, zu töten; in spirituellen Gruppen bei uns heutzutage vielleicht eher, dem Lehrer recht blind zu folgen, die eigene Meinung, das eigene Urteilsvermögen vor der Tür zu lassen, auf andere herabzusehen, bei skandalösem Verhalten des Lehrers wegzuschauen, und so weiter.

 

Im Rausch der Verbundenheit

Die Macht der Verbundenheit habe ich Mitte der siebziger Jahre sehr eindrücklich bei einer Demonstration anlässlich des Sturzes und der Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende erlebt. Damals studierte ich in Marburg, und wir Studenten zogen eines Abends in einem Fackelmarsch durch die Straßen, riefen unsere Parolen und fühlten uns in unserem Zorn vereint und ungemein stark. Ich erlebte mich als Teil dieser Masse, und es fühlte sich wunderbar an, doch immer wieder kamen mir auch die bekannten Bilder von Fackelaufmärschen nur wenige Jahrzehnte zuvor in den Sinn; die Parolen waren ganz andere, doch die Empfindungen der Demonstrierenden werden vermutlich ganz ähnliche gewesen sein wie bei den Nazis: Sie waren berauscht von Gefühlen der Verbundenheit, sie fühlten sich aufgehoben in einem großen Ganzen. Seitdem wusste ich sehr genau, und nicht mehr nur aus den Geschichtsbüchern, wie machtvoll und berauschend sich Verbundenheit anfühlt, wie verführbar diese Sehnsucht ist und wie glücklich man sich schätzen kann, wenn die Bedingungen so sind, dass sie nicht in einem destruktiven Rahmen ausagiert werden muss. Und ich wusste, dass das bloße Gefühl der Verbundenheit letztlich nichts bedeutet; es adelt nicht den, der es empfindet, es bestätigt nicht die »Richtigkeit« von irgendetwas, noch geht damit eine irgendwie geartete moralische Qualität einher.

 

»Wir sind Organe eines Körpers«

Auch in spirituellen Traditionen wurde und wird manchmal das Bild von Körper, Körperteilen und Zellen benutzt, um das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen zu bestimmen und unser aller Verbundenheit auszudrücken – eine durchaus zweischneidige Metapher. Deren Ambivalenz beschreibt Batchelor so:

»Ein organistisches Verständnis des Lebens lässt sich vollkommen mit gewalttätigen, autokratischen, hierarchischen und undemokratischen Gesellschaftsmodellen vereinbaren. Darauf haben sich faschistische Staaten berufen, um den natürlichen Drang der Starken und Gesunden, Schwache und Machtlose zu überfallen, zu rechtfertigen. Die chinesischen Kommunisten verglichen Kriminelle mit einem erkrankten Finger, den man amputieren muss, bevor er den Rest des Körpers vergiftet, um so die Todesstrafe zu rechtfertigen. In jedem dieser Beispiele dient die Metapher dazu, die Unterdrückung eines Teils der Gesellschaft durch einen anderen zu rechtfertigen. Eine politische oder religiöse Elite kann ihre Privilegien sichern, indem sie die anderen davon überzeugt, dass sie von Natur aus dazu bestimmt sind, eine untergeordnete und unterwürfige Rolle zu spielen …

Die bloße Erkenntnis der organistischen gegenseitigen Verbundenheit der Gesellschaft reicht nicht aus, um Mitgefühl für andere zu wecken. Und ebenso wenig impliziert der indische Glaube, alle Menschen seien als Mitglieder eines Körpers eins, dass alle Anspruch auf die gleichen Rechte und Freiheiten haben. Denn auch wenn das Gehirn und ein Zeh miteinander verbundene Teile des gleichen Ganzen sind, gewährt ihnen das nicht die gleiche Bedeutung. Der Organismus kann ohne einen Zeh weiter funktionieren, aber nicht ohne ein Gehirn. Ein Teil ist entbehrlich, während der andere es nicht ist.«

 

Das Auge, das sich mit dem Fuß identifiziert

Doch gilt die Erkenntnis unserer wechselseitigen Verbundenheit im Buddhismus nicht als das Tor zum Mitgefühl? Ja, und ich glaube, dass sie uns das Tor zum Mitgefühl auch tatsächlich öffnet, wenn Bedingtheit oder Abhängiges Entstehen, Nicht-Ich oder Leerheit als wesentliche Aspekte der Verbundenheit mitgesehen, mitbedacht werden. Um noch einmal das Bild des Körpers aufzugreifen, würde sich dies in den Worten Meister Eckhardts so ausdrücken: »Wenn der Fuß sprechen könnte, würde er sagen, dass das Auge, obgleich es sich im Kopf befindet, so sehr sein eigen ist, als befände es sich im Fuß, und das Auge würde seinerseits das gleiche sagen.« Jeder Teil identifiziert sich instinktiv mit den anderen Teilen des gleichen Ganzen. »Wenn jemand auf den Fuß eines anderen tritt«, sagt Meister Eckhardt, »ist es die Zunge, die sagt: ›Sie sind mir auf den Fuß getreten.‹«

 

Wir brauchen ein weites Herz

Das Gefühl der Verbundenheit führt uns immer auch über uns selbst hinaus. Die Sehnsucht, die sich darin ausdrückt, weist in die Richtung einer Selbsttranszendierung und schafft zugleich die Motivation, diesem Weg, auch wenn er durch unbefestigtes Gelände führen mag, zu folgen. Und natürlich kann es ganz schnell auch wieder eng werden, wenn wir diese Sehnsucht begrenzen und Verbundenheit nur erleben und aus ihr heraus agieren, wenn wir an unsere Familie, unseren Partner, unseren Fußballverein, unser Land, und so weiter denken. Wenn Verbundenheit mehr ausschließt als einschließt und wir uns in der Heimeligkeit eines Wir einrichten, das »die anderen« draußen lässt und ausgrenzt. Aber wir müssen ja nicht dabei stehen bleiben; dem Gefühl der Verbundenheit wohnt eine Grenzenlosigkeit inne, die uns ängstigen, aber auch unser Herz weit machen kann. Und ein weites Herz brauchen wir, um in unserer globalisierten Welt, in der unsere wechselseitigen Abhängigkeiten so offenkundig geworden sind, Antworten zu finden, die nicht in Angst und Enge, sondern in Liebe und Mitgefühl gründen.

Zwar mögen wir in unserem Denken und Handeln noch vielfach Verbundenheit leugnen, doch letztlich ist auch unser Leugnen Ausdruck von Verbundenheit, denn wir können ihr gar nicht entkommen. Und das ist auch gut so.

 

Studs Terkeln, Amerikanische Bilder, Diana Verlag Verlag, 2004

Stephen Batchelor: Mit dem Bösen leben, edition steinrich, 2011

 

Ursula Richard, Jg. 55, Verlegerin der edition steinrich, eines Verlages für Buddhismus und gelebte Spiritualität, langjährige Zen-Übende, Übersetzerin, Autorin von Die drei Pfeiler des Glücks, Achtsamkeit, Freude, Dankbarkeit (Knaur, 2010); Stille in der Stadt, Cityguide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen (Kösel, 2011). www.ursula-richard.de

 

Am 13.März hatte ich die Gelegenheit, im Domradio Köln über einige Aspekte meines Buches „Stille in der Stadt“ zu sprechen. Hier geht es zum Interview:   Interview Domradio

 

Die Straße als Ort spiritueller Erfahrung      Ursula Richard

 

Vor kurzem sah ich im Fernsehen einen Bericht über die neuesten Entwicklungen von „street art“,jener Kunst, die den öffentlichen Raum als Medium und Gestaltungsort nutzt.Gezeigt wurden meist junge Leute, die Straßenschilder, Ampelpfosten, Absperrungsgitter und Leitplanken farbig umhäkelten,umstrickten oder mit bunten Klebestreifen versahen. Sie bringen damit nicht nur Farbe ins Stadtbild, sondern rücken auch Dinge in den Fokus der Aufmerksamkeit, die man gemeinhin übersieht und kaum der Beachtung wert erachtet. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung über diese urbane Kunstform schreibt Alex Rühle: „Vielleicht sind unsere Städte ja nur so immens hässlich, weil wir die Wände, die Unterführungen, die S-Bahnen so oft, so lange, so stumpf angestarrt haben, dass aller Glanz daraus verschwunden ist. Vielleicht schaut die Welt nur so fad und grau zurück, weil wir sie so betrachten.“ Er plädiert dafür, „den Blick zu ändern. Wacher durch den Stadtraum zu gehen“. Die Empfehlung, das eigene Leben wacher und bewusster zu leben, kann man in fast jedem buddhistischen Buch finden, sie erscheint oft geradezu als die Quintessenz buddhistischer Lehren. Aus eigenem Erleben sowie aus Beobachtungen und Gesprächen mit anderen habe ich aber den Eindruck gewonnen, dass wir davon unser Leben im öffentlichen Raum gern ausnehmen und unterschwellig einer Art „Indoor-Spiritualität“ frönen. Wir meditieren zu Hause und vielleicht noch in einer Gruppe, die sich privat oder in einem Zentrum trifft, gehen zu Vorträgen, zum Yoga oder Tai-Chi und versuchen, das alles irgendwie in einem vollgepackten Alltag unterzubringen. Von Termin zu Termin eilend, durchmessen wir den öffentlichen Raum, überqueren Straßen, benutzen öffentliche Verkehrsmittel, laufen durch Parks, gehen an Menschen vorbei, stehen an Ampeln und erreichen irgendwann unser Ziel, zum Beispiel das Meditationszentrum. Und spätestens auf dem Meditationskissen, manchmal vielleicht schon, wenn wir es aus dem Regal nehmen, kommt uns in den Sinn, dass es ja nun darum geht, achtsam und wach zu sein. Möglicherweise schließt der Abend mit einer Metta-Meditation ab und wir üben uns kontemplativ darin, uns selbst und anderen wohlwollend und mit Herzenswärme zu begegnen. Wie schnell verflüchtigt sich die Energie der Achtsamkeit und liebevollen Güte aber wieder, wenn wir später in der vollen U-Bahn dicht gedrängt mit anderen stehen. Nehmen wir den öffentlichen Raum vorwiegend als Transitraum wahr, um von A nach B zu gelangen, dorthin, wo die für uns wichtigen Dinge passieren, schaffen wir uns zwar Inseln der Achtsamkeit, auf denen es uns wohlergehen soll. Wir vergessen dabei aber, dass diese Inseln in gewisser Weise künstlich sind, entstanden, weil wir die umliegenden Gebiete durch unsere Unterscheidungen geflutet haben. Der öffentliche Raum ist ein überaus kraftvoller Ort spiritueller Erfahrung, wenn wir uns darin achtsam, wach, offen und mitfühlend bewegen; ein Ort nährender mitmenschlicher Begegnungen, der uns die Einheit des Lebens auf eine Weise erfahren und bezeugen lässt, wie es auf dem Meditationskissen so kaum möglich ist. Dies zu entdecken, kann unser Beitrag sein, dass unsere Städte zu lebensfreundlicheren, farbigeren Orten für alle werden.

Ein Beitrag der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandeburg

www.buddhistische-akademie-bb.de

Ursula Richard ist lang-jährige Zen-Übende, Verlegerin (edition steinrich), Übersetzerin und Autorin. Zuletzt erschien im Kösel Verlag ihr Buch „Stille in der Stadt, Cityguide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen“.

BUDDHISMUS 56 aktuell 2 | 12

 

Interview auf Bayern 2 vom 31.8.2011

Das Feature zeigt Orte der Stille in München auf. Im Interview konnte ich einige Aspekte der bewussten Wahrnehmung solcher Orte inmitten der urbanen Hektik ansprechen. Hier geht’s zur Radiosendung:Interview Bayern 2

 

Interview mit dem WDR 5 vom 26.7.2011

In der Sendung „Neugier genügt“ hatte ich Gelegenheit, einige Aspekte meines neuen Buches „Stille in der Stadt“ vorzustellen. Hier gehts zum Interview:Großstadtmeditation Interview WDR 5

 

Straßenexerzitien in Istanbul – Geschichte eines Scheiterns

 

Hier in dieser Ecke Kreuzbergs ist die Straße voller Menschen, ein buntes Gemisch unterschiedlicher Nationalitäten, viele Frauen tragen ein Kopftuch. So wie in Istanbul, wo ich einige Wochen später mit meiner Freundin für eine knappe Woche hinfliege, um die Stadt kennenzulernen. An einem Tag will ich für mich dort Straßenexerzitien machen, will versuchen, an einem Ort, hörend zu werden, der mir gänzlich unvertraut ist und wo ich die Sprache nicht spreche und nicht verstehe.  Ich beginne damitLESEN SIE WEITER AUF DER SEITE „STILLE IN DER STADT“

 

Gärten als Orte spiritueller Erfahrung

 

„Das Glück, das Menschen empfinden, wenn sie in Berührung mit Natur sind, ist Ausdruck davon, dass wir uns aufgehoben und getragen fühlen im Lebendigen in uns.“ Christa Müller

 

Für den tibetisch-buddhistischen Lehrer Akong Rinpoche ist die fehlende Vertrautheit mit den Elementen eine wichtige Ursache für die mangelnde Ausgewogenheit und Balance vieler Menschen im Umgang mit sich und mit der Außenwelt, für das Empfinden, nicht im Lebendigen verankert und von ihm getragen zu sein. In dem von ihm entwickelten Tara Rokpa-Prozess spielt die schöpferische Arbeit mit den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum eine große Rolle. Von der Sehnsucht nach einem neuen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen kündet auch eine wachsende Bewegung in den Städten. In Form von Nachbarschaftsgärten, Interkulturellen GärtenLESEN SIE WEITER AUF DER SEITE „STILLE IN DER STADT“

 

 

Alle Götter sind verschwunden und zertrümmert

Gedanken im Raum der Stille im Brandenburger Tor

 

Nach einigen Minuten höre ich das ewige Lärmen der Stadt nicht mehr. Dabei sitze ich an einem Platz, den kein Tourist auslässt, den kein Staatsgast ignorieren darf: Der „Pariser Platz“ ist laut und hektisch, er bildet wieder ein Ensemble, mit dem Brandenburger Tor in der Mitte, umgeben von Banken, Botschaften, Restaurants und einem Hotel der oberen Luxus-Kategorie: Noch leistet sich die Stadt den Luxus, in einem Nebengelass des Brandenburger Tores einem „Raum der Stille“ Existenzrecht zu geben.

LESEN SIE WEITER AUF DER SEITE „STILLE IN DER STADT“

 

Eine Oase in der Wüste

Für einen Tag Eremit sein

 

 

„Ich habe mein Alleinsein durch Einsamkeit überwunden“. Philippe C. hat seine Worte gut gewählt. Er wirkt ausgeruht und ganz gesammelt, gar nicht so selbstverständlich für den Direktor einer grossen Schule. Wir sitzen in einem Café in der Rue des Archives, einer der Hauptverbindungsachsen zwischen der ewig tosenden und tobenden Rue de Rivoli und der Place de La République. Philippe, wie bei Franzosen üblich, sprechen wir uns mit dem Vornamen an, hat vor einer Viertelstunde seine Eremitage verlassen. „24 Stunden war ich sozusagen fern von dieser Welt“. Philippe lacht.LESEN SIE WEITER AUF DER SEITE „STILLE IN DER STADT“