Stille in der Stadt

Ursula Richard
Stille in der Stadt
Ein City-Guide für kurze Auszeiten und
überraschende Begegnungen

Kösel Verlag,160 Seiten
ISBN 978-3-466-37002-3

erscheint Ende August 2011

Mitten im Trubel einen Ort zu finden, der aufatmen lässt, das wünschen sich viele Stressgeplagte. Überraschend und entlastend: Es ist nicht nötig, aus der Stadt zu fliehen, um sich zu erholen. Mit Achtsamkeit und einer veränderten Wahrnehmung bietet die Großstadt wieder erfrischende Begegnungen und pulsierendes Leben.

  • Großstadtmeditationen – Entspannung beginnt am Hauptbahnhof
  • Übungen zur Entschleunigung
  • Auszeiten: Kirchen, Parks und Treppenhäuser

„Dieses Buch ist ein Muss für alle begeisterten Städter ebenso wie für die urbanen Skeptiker, geschrieben für die spirituellen „Großstadtindianer“, die „Großstadtfreaks“ ebenso wie für die Stadtflüchtigen und entnervt nach Ruhe Suchenden.
Es weist uns ganz neue Pfade durch den Großstadtdschungel, bereitet uns spannende Begegnungen mit Menschen, die inmitten der hektischen Städte Stille gefunden haben und uns dazu einladen, diese mit ihnen zu teilen. Mit diesem Buch in der Tasche gehen wir wacher und achtsamer durch die Straßen der Stadt, wir schlagen neue Wege ein, gehen die alten bewusster und beginnen gar das schöne alte Wort des „Flanierens“ wiederzuentdecken. Es schenkt uns Oasen der Ruhe inmitten der Unruhe, es schafft uns Raum, wenn der Lärm der Stadt wieder einmal heillos über uns zusammenzubrechen droht. „Das Mysterium findet auf dem Marktplatz statt“, lautet ein geflügeltes Wort im Zen. Mit diesem Buch erschließt sich dem Leser dieses Paradox auf wundersame Weise. Nehmen Sie es mit in ihr lautes Lieblingscafe, in die hektische Wartehalle des Hauptbahnhofs, in die überfüllte U-Bahn, und Sie werden sie plötzlich spüren können – die Stille der Stadt.“

Christa Spannbauer (Journalistin und Autorin)

 

Interview mit dem WDR 5 vom 26.7.2011. In der Sendung „Neugier genügt“ hatte ich Gelegenheit, einige Aspekte meines neuen Buches „Stille in der Stadt“ zu diskutieren. Hören Sie das Interview auf der Seite „Artikel&Interviews“.

 

Straßenexerzitien in Istanbul – Geschichte eines Scheiterns

Hier in dieser Ecke Kreuzbergs ist die Straße voller Menschen, ein buntes Gemisch unterschiedlicher Nationalitäten, viele Frauen tragen ein Kopftuch. So wie in Istanbul, wo ich einige Wochen später mit meiner Freundin für eine knappe Woche hinfliege, um die Stadt kennenzulernen. An einem Tag will ich für mich dort Straßenexerzitien machen, will versuchen, an einem Ort, hörend zu werden, der mir gänzlich unvertraut ist und wo ich die Sprache nicht spreche und nicht verstehe.  Ich beginne damit in der berühmten Blauen Moschee, die wir am Tag zuvor als Touristinnen besichtigt hatten.  Am überwältigendsten empfand ich da zunächst nicht die großartige Architektur, die wunderschöne Ornamentik, sondern den durchdringenden Geruch von Schweiß aus den Hunderten von Schuhen, die die Besucher mit sich herumtrugen oder in Regalen abgestellt hatten,. Regale, die direkt vor den hölzernen Paravents angebracht waren, hinter denen die Frauen beteten. Man konnte etwas hindurchschauen, und ich sah Frauen dort einzeln beten oder in Gruppen zusammensitzen und reden oder auch essen oder am Boden liegen und schlafen. Mich empörte diese „Raumaufteilung“, die den Frauen einen so kleinen Bereich zugestand. Aber am nächsten Morgen beginne ich genau da mit meinen Exerzitien. Ich öffne eine kleine Tür und gehe in den Frauenbereich. Außer mir sind noch zwei Frauen da, beide lesen den Koran. Keine nimmt Notiz von mir. Es gibt ein kleines Bücheregal dort und einen Ständer mit Gebetsketten. Ich setze mich dazu und meditiere. Der Lärm der vielen Touristen und ihrer Führer dringt nur sehr gedämpft herüber, und auf einmal erscheint mir dieser Ort in seiner Abgeschiedenheit wie der beste in der ganzen Moschee. Ich habe mir vorgenommen, durch zwei Stadtteile zu laufen, die im Reiseführer als traditionell und konservativ beschrieben werden. An diesem Tag gehe ich viele, viele Kilometer, versuche offen zu sein, für das, was ich wahrnehme, bereit zu sein für Unerwartetes. Ja und ich sehe vieles: wie die Gegenden straßenweise immer ärmlicher werden, wie ich auf einmal keine Frauen mehr sehe, die kein Kopftuch tragen, wie ich dann kaum noch Frauen sehe, die nicht so schwarz verschleiert sind, dass nur noch Augen und Nase hervorlugen. Viele dieser Frauen haben Handys oder Laptoptaschen dabei und sie haben wache, lebhafte Gesichter. Wieso fällt mir das Kopftuch oder die Verschleierung so sehr auf, scheint ein für mich so wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu sein? Weil ich meine Bilder und Vorurteile aus Deutschland mit hierher bringe? Weil ich sonst viel zu wenig sehe? Ich setze mich auf die Bank vor einer Moschee und bekomme eine leise Ahnung davon, wie wichtig ein solcher Ort für die Menschen ist; es ist ein stets Kommen und Gehen. Eine junge Frau kommt mit einem Katzenkorb, setzt sich zu anderen Frauen auf eine Bank, öffnet den Korb  und lässt ihre kleine, zunächst gar nicht willige Katze heraus. Als ich mich umsehe, erblicke ich viele Katzen auf dem Gelände. Vor allem Männer gehen in die Moschee, einer hat eine Satellitenschüssel unter den Arm, ein anderer trägt einen riesigen Koffer. In dieser Moschee wird gerade heftig gebaut, und ich entdecke den abgetrennten Frauenbereich schließlich hinter Bergen von Bauschutt, und wieder wallt Empörung in mir auf. Am Ende des Tages, nachdem ich mit schmerzenden Füßen im Hotel angelangt bin, muss ich sagen, dass ich nicht wirklich hörend und sehend geworden bin. Der Impuls, durch diese oder jene Straße zu gehen, hat zu nichts geführt, außer, dass ich durch diese oder jene Straße gelaufen bin, denn eins hat gefehlt – menschliche Begegnung. Ich habe es während des ganzen Tages nicht geschafft, auch nur zu einem einzigen Menschen Kontakt und sei es nur Blickkontakt zu bekommen. Meine diesbezüglichen Versuche, liefen ins Leere. Niemand erwiderte meinem Blick, nahm von mir Notiz. Hier in dieser Gegend, in der sich sicher selten Touristen verlaufen, in der niemand darauf aus ist, mir etwas zu verkaufen, existiere ich eigentlich gar nicht. Das gab mir auf der einen Seite das Gefühl absoluter Sicherheit selbst noch in der finstersten Ecke, auf der anderen Seite zeigte es mir, welchen Stellenwert es anscheinend für mich hat, in meiner Existenz gesehen zu werden.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf, um am Hafen die Marmara zu besichtigen, jenes von  drei Schiffen, das im Sommer 2010 bei dem Versuch, die Gaza-Blockade zu durchbrechen, von israelischen Militärs in internationalen Gewässern gestürmt wurde. Acht Türken wurden dabei erschossen.  Seit zwei Tagen liegt das Schiff im Hafen und seither laufen in der Stadt viele Männer und fast noch mehr Frauen mit palästinensischen Fahnen oder Tüchern rum. Große Plakate zeigen die Erschossenen und informieren über ihr Leben. Nur einer war sehr jung, die anderen gestandene Männer. Man kann überall auf dem Schiff herumlaufen, sieht aufgerissene Polster, Markierungen, wo die Kugeln eingeschlagen sind, Blutspuren. Die auch in Englisch abgedruckte Bordordnung ist lang; es ist so gut wie alles verboten, was Zwietracht und Gewalt zwischen denen auf dem Schiff im Kontakt  untereinander und im Kontakt mit anderen hätte auslösen können. Absolute Friedfertigkeit ist das Gebot. Auf Fotos sieht man fassungslos wirkende Männer, die auf ihre zerstörten Kameraausrüstungen deuten. Und immer wieder Blutspuren. Viele besichtigen wie wir das Schiff, wir scheinen aber die einzigen Touristen zu sein, die anderen sind Türken, die Frauen mit Kopftuch oder schwarz verhüllt, so dass nur Augen und Nase noch sichtbar sind, und auch die Männer sind konservativ gekleidet. Und wieder merke ich, wie sehr ich in meiner Wahrnehmung auf ein Merkmal wie das Kopftuch fixiert bin. Aber hier erlebe ich einige Male Kontakt, Blicke, die sich treffen und eine Weile verweilen. Freundliche, wohlwollende Blicke. Vielleicht sind wir uns hier, und sei es nur für Sekunden, jenseits kultureller Unterschiede in unserem tiefsten Menschsein begegnen, haben uns erkannt  als Menschen, die einfach hergekommen sind, um Zeugnis abzulegen angesichts von Leid und Tod. Ich weiß es nicht, es mag auch nur ein frommer Wunsch sein, oder eine Hoffnung.

 

Gärten als Orte spiritueller Erfahrung

„Das Glück, das Menschen empfinden, wenn sie in Berührung mit Natur sind, ist Ausdruck davon, dass wir uns aufgehoben und getragen fühlen im Lebendigen in uns.“ Christa Müller

Für den tibetisch-buddhistischen Lehrer Akong Rinpoche ist die fehlende Vertrautheit mit den Elementen eine wichtige Ursache für die mangelnde Ausgewogenheit und Balance vieler Menschen im Umgang mit sich und mit der Außenwelt, für das Empfinden, nicht im Lebendigen verankert und von ihm getragen zu sein. In dem von ihm entwickelten Tara Rokpa-Prozess spielt die schöpferische Arbeit mit den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum eine große Rolle. Von der Sehnsucht nach einem neuen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen kündet auch eine wachsende Bewegung in den Städten. In Form von Nachbarschaftsgärten, Interkulturellen Gärten oder urbaner Landwirtschaft werden neue gemeinschaftlich-kreative Formen erprobt, um die heilende, erdende Dimension der Natur auch im städtischen Raum zu erfahren.

Eines der bekanntesten Projekte sind die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg. 2010 mit dem Utopia Award 2010 ausgezeichnet, wird hier seit 2009 auf einem Gelände von 6000 qm soziale, ökologische und partizipative Landwirtschaft betrieben, und es ist ein Begegnungsort entstanden, „in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft und Alters, aus den vielfältigen städtischen Lebensformen und Milieus zusammenfinden, sich austauschen, die Freuden der Gartenarbeit entdecken und gemeinsam entspannen“ (http://prinzessinnengarten.net). Ich trete durch eine rosa Pforte von der Straße her ein und habe sofort das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Der Straßenlärm scheint mit einem Mal viel leiser geworden, fast verschwunden zu sein; Menschen arbeiten hier bei den Beeten, es wird gehämmert und gesägt, an einem Marktstand wird Gemüse verkauft, Kinder laufen umher, an Tischen sitzen Leute, trinken oder essen etwas und unterhalten sich. Und trotz all dieser Aktivitäten habe ich das Gefühl, es ist alles doch sehr viel entspannter und langsamer als „draußen“, keine 100 Meter entfernt. Ich schaue mich fasziniert um und staune, vor allem über die vielen verschiedenen Beete, übereinandergestapelt in Bäckerkisten, über die Anpflanzungen in Milchtüten oder alten Kannen. Es handelt sich hier um mobile Landwirtschaft, erfahre ich, mit einem transportablen Beetsystem. Dadurch können ganz schnell auch andere Orte in Gärten verwandeln werden, Orte die vorher oft nur durch ihr Grau oder ihre Unscheinbarkeit auffielen: Parkplätze, Parkdecks, Hausdächer oder eben Brachen aller Art, die nun, zumindest zeitweise, zu blühenden Gärten werden sollen.

Urbane Gärten dieser Art eröffnen für die meisten von uns Stadtmenschen vollkommen neue Erfahrungs- und Wissensräume. Und diese weisen auch deutliche spirituelle Dimensionen auf. Wir brauchen Offenheit, um uns mit allen Sinnen diesen neuen Welten zu öffnen. Achtsam und nachhaltig müssen wir mit der Erde umgehen, uns immer wieder einlassen, auf das, was vorhanden ist – und bei mobilen Gärten kann das immer wieder schnell etwas ganz Neues sein. Das fördert natürlich auch das Loslassen ungemein, das Loslassen immer wieder liebgewonnener, vertrauter Orte und Bedingungen! Gartenarbeit bedeutet auch, sich immer wieder einzulassen auf ein Tempo, eine Geschwindigkeit, die am wenigsten von uns bestimmt wird, denn das Wachsen und Reifen einer Pflanze hängt zuallerletzt von unserem Wollen ab, und unter Zeitdruck setzen lässt sie sich nicht. Aber sie kann uns lehren, geduldiger zu werden, langsamer zudem und das wertzuschätzen, was ist, auch das ganz Zarte, und nicht immer auf das zu schielen, was mal daraus werden soll. Beim Umgraben, Unkrautzupfen, Früchte- oder Gemüseernten können wir unmittelbar erfahren, dass wir im Lebendigen verankert sind, haben es „in der Hand“, uns unserer Wurzeln zu versichern.

Gärten bieten „von Natur aus“ einen idealen Rahmen, die Elementhaftigkeit der Welt und der eigenen Person konkret zu erfahren. Allein schon durch den bewussten, achtsamen Umgang mit den Elementen kann uns eine Tiefendimension  zugänglich werden, die uns auf das verweist, was wir sind: Teile eines unteilbar Ganzen. Dazu ist kein Rekurs auf spirituelle Konzepte über die Beschaffenheit der Welt nötig, dazu reicht es, voller Bewusstheit in der Erde zu wühlen. Und um unser aller wechselseitige Abhängigkeit zu begreifen, reicht es, das Werden, Wachsen und Vergehen im Garten, in der Natur bewusst wahrzunehmen. Thich Nhat Hanh verwendet oft das Bild von Abfall/Kompost und blühender Rose, um dieses Prinzip zu illustrieren. Aus dem Abfall/Kompost, aus dem Stinkenden, Verrotteten, Sich-Auflösenden, wird einmal eine wunderschöne Rose erblühen, die sich dann ihrerseits wieder … Das ist nur möglich, weil nichts aus sich selbst heraus existiert, nichts ein unabhängiges Selbst besitzt. Die Wolke wird zu Regen, der auf die Erde herabsinkt, den Boden nährt, die Flüsse speist und wieder zur Wolke wird. Das Leben manifestiert sich in den unterschiedlichsten Formen und wandelt sich fortwährend. Formen entstehen, verweilen und vergehen. Der Garten führt uns den Wandel, die Vergänglichkeit, der alles, auch wir selbst, unterworfen sind, auf „gnädige“ Weise vor Augen, denn jede Jahreszeit hat ihre eigene Schönheit.

Die neuen urbanen Gärten sind ein überaus fruchtbares Biotop auch für spirituelle Erfahrungen. Sie lassen uns das Leben in seiner Fülle und Ganzheit erfahren sowie die allem zugrunde liegende Verbundenheit. Erlebbar wird Verbundenheit mit der Natur, Verbundenheit mit anderen Menschen, Menschen, die einem vielleicht zunächst fremd sind, die man sich unter Umständen gar nicht freiwillig ausgesucht hat, die nicht zum vertrauten Freundeskreis gehören, sondern mit denen man, aus welchen Gründen auch immer, die Verantwortung für ein Stück Erde teilt. Gärten dieser Art erfüllen die Sehnsucht, in der Stadt und auf dem Land gleichzeitig zu sein, inmitten der lärmenden, hektischen Stadt ein Refugium zu haben, in dem eine andere Ordnung und Zeit herrscht, und etwas davon dann mitzunehmen bei der Rückkehr, bis eines Tages möglicherweise die Grenzen gänzlich verschwunden sind.

 

Alle Götter sind verschwunden und zertrümmert

Gedanken im Raum der Stille im Brandenburger Tor

Nach einigen Minuten höre ich das ewige Lärmen der Stadt nicht mehr. Dabei sitze ich an einem Platz, den kein Tourist auslässt, den kein Staatsgast ignorieren darf: Der „Pariser Platz“ ist laut und hektisch, er bildet wieder ein Ensemble, mit dem Brandenburger Tor in der Mitte, umgeben von Banken, Botschaften, Restaurants und einem Hotel der oberen Luxus-Kategorie: Noch leistet sich die Stadt den Luxus, in einem Nebengelass des Brandenburger Tores einem „Raum der Stille“ Existenzrecht zu geben. Da sitze ich bequem auf einem Stuhl in einem Saal, der nicht grösser ist als ein Klassenzimmer. Neben mir verweilen zwei Japanerinnen schweigend, einige Jugendliche sind nach ein paar Sekunden wieder rausgelaufen, offenbar, weil es hier „nichts zu sehen gibt“. Der „Raum der Stille“ ist für mich ein religiöser Ort, gerade weil hier keine Religion das Sagen hat, weil keine Konfession dominiert, kein Heiligenbild zu sehen ist, sondern nur ein bunter Teppich an der Wand den Blick sammelt. Ein religiöser Raum ohne Götter, ein religiöser Raum ohne heilige Bücher, ein religiöser Raum ohne Dogmen. Hier geht es um den „wahren Gott hinter allen Göttern“, wie Meister Eckhart einst sagte, oder um den „Gott über Gott“, wie es der evangelische Theologe Paul Tillich formulierte. Hier sitze ich so gern und versuche, alles dogmatische Gerede, alle Besserwisserei der Kirchen abzuschütteln. Von religiösen Ideologien muss man ja immer wieder befreien, man muss als „ewig Suchender“  alle Inhalte beiseite tun, sich von allen götzendienerischen Verniedlichungen Gottes los-sagen. Im Raum der Stille werden Menschen frei für Nichts.

Ich schliesse die Augen und spüre nur noch meinen Atem. Immer dasselbe Ausatmen und Einatmen. Ich atme und atme, und lasse mich fallen in das Urgeschehen des Lebens. Und ich weiss, dieses Atmen verbindet mich mit allen Menschen, mit allem Lebendigen. Ich bin eins mit allen, so zerstritten sie auch sind, so engstirnig sie auch sind in ihrer Dogmatik. Ich atme und lebe, und weiss, dass Leben und Lieben die Urvollzüge des Menschen sind, die einzig entscheidend sind. Alles Religiöse kommt erst sehr viel später. Einzig das friedliche Miteinander der Menschen zählt. So verweile ich im Raum der Stille mitten in der Stadt, am Brandenburger Tor, wo einst die Mauer stand und wo jetzt das neue Berlin fast „fertig“ ist. Weit und breit gibt es in diesem neuen Berlin keine neuen religiösen Räume. Alle Religionen haben es verpasst und verschlafen, irgendwo in den Neubautürmen am Potsdamer Platz und in den Shopping-Malls der Friedrichstraße einen Keller für Meditation zu schaffen, einen Raum fürs Nichts, einen Raum der Unterbrechungen, einen Raum für den Gott über Gott. Nur der „Raum der Stille“ hat sich gehalten, der hat sich bewährt seit 10 Jahren, eine Art „Basis-Initiative“, die alles Maria Dieffenbach zu verdanken hat.

Meine Augen bleiben geschlossen. Ich denke an Meister Eckart, den wegweisenden modernen, mittelalterlichen Mystiker: „Nimm Gott als eine überseiende Nichtheit“, diesen Satz werde ich nie vergessen. Und ich träume, wie eine der vielen kaum noch benutzten, zu den Sonntagsgottesdiensten immer leeren Kirche der Stadt wieder belebt wird und in ein Meister Eckart Zentrum umgewandelt wird, als Ort zum stillen Sitzen, zum friedlichen Miteinander Schweigen. Der Weg zum Frieden führt über das Schweigen, über die Anerkenntnis: Mit allen unseren Göttern und Dogmen ist es „nichts“.

Religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn, erschienen in PUBLIK FORUM BERLIN EXTRA 2003.

 

Eine Oase in der Wüste

Für einen Tag Eremit sein

 

 

„Ich habe mein Alleinsein durch Einsamkeit überwunden“. Philippe C. hat seine Worte gut gewählt. Er wirkt ausgeruht und ganz gesammelt, gar nicht so selbstverständlich für den Direktor einer grossen Schule. Wir sitzen in einem Café in der Rue des Archives, einer der Hauptverbindungsachsen zwischen der ewig tosenden und tobenden Rue de Rivoli und der Place de La République. Philippe, wie bei Franzosen üblich, sprechen wir uns mit dem Vornamen an, hat vor einer Viertelstunde seine Eremitage verlassen. „24 Stunden war ich sozusagen fern von dieser Welt“. Philippe lacht. „Ich habe mich gestern Abend um 6 in ein kleines Zimmer hier ganz in der Nähe zurückgezogen, von Tee und trockenem Brot gelebt. Ich habe kein Radio gehört, kein Fernsehen geschaut, es gibt keine Zeitung, kein Telephon. Mein Handy habe ich nicht benutzt. Ich habe viel auf meinem Bett gelegen, manchmal etwas gedämmert, aber viel nachgedacht. Als einziges Buch lag die Bibel im Zimmer, ein paar Verse aus dem Buch der Weisheit habe ich gelesen. Und geschlafen habe ich prächtig“. Eine Eremitage mitten in Paris? „Ja, in einem Teil des katholischen Gemeindehauses der Kirche „Notre Dame des Blancs Manteaux“, ganz in der Nähe von der Rue des Archives, gibt es schon seit fast 20 Jahren eine Eremitage, ein Ort des Verweilens und Ruhens, für Menschen, die einmal kurzfristig aus dem turbulenten Leben der Stadt aussteigen wollen. Man hört nur die Glockenschläge der Kirche, im 13. Jahrhundert lebten dort Mönche, die sollen den ganzen Tag geschwiegen haben“.

Philippe ist schon zum dritten Mal Stadt Eremit auf Zeit. „Ich bin verantwortlich für ein Gymnasium in der Nähe von Saint Denis, im Norden von Paris. In die Schule kommen Kinder aus mehr als 30 Staaten, es sind nicht die reichsten Leute, die da wohnen, kannst Du Dir denken. Und die Wohnungsprobleme sind enorm, die soziale Sicherheit ist katastrophal, alles lässt zu wünschen übrig. Ich bin manchmal bis abends um sieben in der Schule, bin völlig genervt: In solchen Situationen sehne ich mich nach meiner Familie, aber ich bin geschieden, die Kinder sind bei meiner Frau. So sitze ich oft allein abends vor dem Fernseher“.

In der Eremitage holt er sich gelegentlich etwas „spirituelle Kraft“, wie er sagt. „Im freiwilligen Rückzug aus der Stadt, in der Einsamkeit meines Zimmers, lerne ich, mein Leben wieder anzunehmen, wie es ist, voller Stress und mit viel Alleinsein am Wochenende. Manchmal spreche ich auch mit den beiden Frauen, die diese Eremitage leiten. Sie sind sehr diskret, sie fragen nicht nach meinem Taufschein. Den ich nicht habe. Die Frauen können zuhören, die ruhen so richtig in sich selbst. Sind fromme Eremitinnen, aber nicht überdreht. Wenn ich will kann ich in dem geräumigen Haus etwas herumspazieren. Gleich gegenüber ist ein ruhiger Park, besonders abends ist es da angenehm zu sitzen. Eins habe ich bei beiden Profi-Eremitinnen, so nenne ich die immer, entdeckt: Einsamkeit, frei gewählt, ist ganz anders und viel reicher als das erzwungene Alleinsein“.

Philippe gibt mir die genaue Adresse: Die Eremitage liegt mitten im Marais-Viertel, dem 4. Arrondissement, eine lebendige Gegend, voller Galerien, Buchhandlungen, Cafes; hier leben Juden aus Osteuropa Tür und Tür mit Schwulen: Marais ist nämlich das „gay village“ von Paris, wie die Franzosen ausnahmsweise mal nicht auf Französisch sagen.

In der Rue de l Abbé Migne Nr.1 öffnet mir eine Eremitin, sie stellt sich als „Madame Thérèse“ vor. Madame? „Also sind Sie keine Nonne?“  „Nein, wir sind Laien, wir haben uns zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die nennt sich „Madonna House“. Wir sind 200 Frauen und Männer weltweit, vor allem in Kanada und den USA sind wir vertreten. Eine unserer Aufgaben: Wir wollen den einsamen Menschen der grossen Städte nahe sein, wollen ihnen Ruhe bieten, Möglichkeiten der Selbstfindung. Unser Angebot heisst: Werde Eremit für einen Tag. Dieses Angebot gibt es auch in Ottawa, Toronto, Washington und anderen Städten“.

Wir steigen die Treppe hinauf: Ein Aufenthaltsraum, eine kleine Küche zum Teekochen. Dann zwei Zimmer für die Gäste. Ein Raum ist gerade „bewohnt“. „Aber beide Zimmer sind hell, sie haben eine angenehme Grösse und Höhe, denn unsere Eremiten sollen sich ja nicht eingezwängt fühlen; die Räume sind nicht gerade spartanisch eingerichtet, aber auch nicht üppig“, sagt Madame Thérèse.

Eine ungewöhnliche Form, wie sich die Kirche heute den Menschen öffnet, ich kann mein Erstaunen nicht verbergen. „Die Menschen in Paris sind oft so zerrissen, so gehetzt von Terminen, belastet von Krach und Lärm, dass sie einfach ein Refugium brauchen. Wir verstehen dies als Dienst an den Menschen in der Stadt. Und die Menschen nehmen das gut an: Unsere Eremitage ist meist ausgebucht. Warum gibt es so was denn nicht in Berlin oder Frankfurt?“

„Was muss man denn bezahlen“?  „Jeder gibt, was er kann. Wenn die Menschen mal eine halbe Stunde mit mir intensiver gesprochen haben, von ihrem Leben erzählten, dem Alleinsein, dann geben sie gern eine großzügige Spende. Wir leben nur von Spenden“.

Madame Therese zeigt im Aufenthaltsraum ein Bild: „Das ist Cathérine Doherty, die Gründerin unserer Gemeinschaft, sie stammte aus Russland, ist aber vor den Bolschewisten nach Kanada geflohen. Sie hatte die Idee, dass wir Menschen Rückzugsmöglichkeiten brauchen. Sie nannte die ersten Eremitagen Poustinia, das ist ein russisches Wort, es heißt Wüste. Wir sollten, so sagte sie, öfter mal in die Wüste gehen, in die Einsamkeit, dann werden wir unser Leben besser gestalten. Unser „Poustinia Haus“  hier mitten im Pariser Marais Viertel ist ein kleines Stück Wüste. Aber es ist für viele bereits eine fruchtbare Wüste, die Oase, geworden, mitten in dieser riesigen Steinwüste von Paris“. Dieses Poustinia, so heißt das Haus der russischen Gründerin, wurde leider 2006 geschlossen.

Mit freundlicher Genehmigung von religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn, www.religionsphilosophischersalon.de