Menschliche Werte leben – Seine Heiligkeit der Dalai Lama in Hamburg

aus: BUDDHISMUSaktuell 4/14

Der Dalai Lama benannte in seinen Vorträgen unmissverständlich, wie sehr Religionen an den gegenwärtigen, zum Teil überaus gewalttätig ausgetragenen Konflikten in der Welt beteiligt sind. Er wies daraufhin, dass sogar im Namen von Religionen getötet wird und dies, obwohl im Zentrum aller Religionen Liebe und Mitgefühl stehen. Auch der Buddhismus, der im Westen ja oft als die Religion der Gewaltfreiheit gilt und idealisiert wird, sei dabei keine Ausnahme, wie die jüngsten Ereignisse in Myanmar und Sri Lanka zeigen, wo unter der Beteiligung buddhistischer Mönche Gewalt gegen Andersgläubige ausgeübt worden ist.

Angesichts dieser traurigen Tatsachen und den ganz aktuellen Bedrohungen und Morden durch Bewegungen wie den marodierenden IS (Islamischer Staat) rief er Buddhisten, Muslime, Hindus und Christen auf, ganz klar gegen die Gewalt, die im Namen ihrer jeweiligen Religion ausgeübt wird, Stellung zu beziehen, sich davon zu distanzieren und aktiv dagegen zu wenden. Er müsse, so der Dalai Lama, wenn er gegenwärtig all das sehe, den Atheisten zumindest teilweise Recht geben, dass Religionen ein doch erheblicher Teil des Problems seien, was ihn nicht davon abhalte, weiter Buddhist zu sein, aber ihn ansporne, sich für eine säkulare Ethik auf Grundlage allgemeiner menschlicher
Werte einzusetzen. Alle Menschen – sowohl diejenigen, die einer Religion angehören als auch „Nichtgläubige“ – sollten „universelle Verantwortung“ übernehmen und auf dieser Basis in Dialog miteinander treten.

Frieden zunächst im eigenen Herzen schaffen
Das 21. Jahrhundert bezeichnete der Dalai Lama als das Jahrhundert des Dialogs. Wenn wir nicht in der Lage seien, uns miteinander zu verständigen, hätten wir als Menschheit keine Chance. Unterschiede dürfen kein Anlass für Ausschluss sein, sondern dafür, dass  wir miteinander leben lernen. In diesem Zusammenhang betonte er sehr die Notwendigkeit der Erziehung der jüngeren Generationen zu Achtsamkeit, Mitgefühl und ethischem Handeln.

Er bezeichnete sich und seine Generation als Menschen des 20. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das große Fortschritte erzielt, aber auch Konflikte und mörderische Kriege und damit großes Leid hervorgebracht habe. Wenn das 21. Jahrhundert anders aussehen solle, müssten die jungen Menschen Frieden in der Welt schaffen, indem sie in sich selbst Frieden schafften und die anstehenden Probleme und Herausforderungen im Dialog mit anderen lösten. Er ermutigte die Anwesenden, in diesem Geiste aktiv zu werden, auf sich selbst zu vertrauen und dabei auch zu experimentieren und neue Wege auszuprobieren.

Allerdings, so mahnte er an, müsse die Geisteshaltung dabei stets auch Mitgefühl beinhalten. Zentral sei in diesem Zusammenhang, einen heilsamen Umgang mit den eigenen destruktiven Emotionen zu finden, denn sie ließen uns destruktiv handeln und unterminierten auch unser rationales Denken.

Etliche Fragen aus dem Publikum kreisten darum, welche Vorschläge der Dalai Lama angesichts der gegenwärtigen gewalttätigen Probleme in der Welt (Ukraine, Israel/Palästina, Syrien, Irak) zur Konfliktlösung habe. In seinen Antworten betonte
er immer wieder, dass er persönlich nicht die Probleme in der Welt lösen könne, sondern dass wir alle aufgerufen seien, entsprechende Initiativen zu ergreifen und nach Lösungen zu suchen. Wir als Menschen haben eine moralische Verantwortung für die Welt. Dazu müssten wir aber immer bei uns selbst beginnen und zunächst Frieden im eigenen Herzen schaffen. Nur dann könnten wir uns wirksam auch für Frieden und mitfühlendes Handeln im Außen einsetzen, zunächst in unserem näheren Umfeld, Familie, Beziehungen, dann in der Gesellschaft.

Unsere eigene Friedfertigkeit und unsere Fähigkeit, mit destruktiven Geisteszuständen umzugehen, seien eine wichtige Voraussetzung, aber natürlich noch keine Gewähr dafür, dass Dialoge wirklich zustande kommen.

Chancen und Grenzen des Dialogs
Dieses Thema wurde auch von einigen Veranstaltungen im Rahmenprogramm aufgegriffen. So in einer der Akademie der Weltreligionen (AWR) Hamburg zum Thema „Interreligiöser Dialog und Differenz. Wie ist Verständigung möglich?“ Auf dem Podium
saßen unter anderem der Direktor, Prof. Dr. Wolfram Weiße, dessen Stellvertreterin, die Professorin für Islamische Studien/ Islamische Theologie, Dr. Katajun Amipur, Dr. Carola Roloff (Jampa Tsoedron) und der Philosoph, Professor Dr. Michael Quante.

Hier wurde noch einmal die Dringlichkeit von Dialogen betont, aber auch die Grenzen und Probleme benannt. Wie können wir zum Beispiel mit Menschen in Dialog treten, die das gar nicht wollen? Wie einen Dialog führen, wenn die andere Seite den Anspruch erhebt, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein? Gibt es aber nicht auch für uns Werte und Rechte, die nicht verhandelbar sind? Zum Beispiel die Menschenrechte? Demokratie? Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen?

Und was ist mit den Frauen?
Besonders Letzteres war auch Thema der Veranstaltung „Aufbruch der Frauen im Buddhismus. Ist das Eis schon gebrochen?“, in der unter der Leitung von Dr. Thea Mohr, Thubten Chodron, Dr. Carola Roloff, Geshe Kelsang Wangmo und Sylvia Wetzel diskutierten. „Es geht voran“, sagte Thea Mohr, „langsam, aber sicher.“ Doch Fakt ist, dass es im tibetischen Buddhismus immer noch nicht die volle Nonnenordination gibt, auch wenn sich der Dalai Lama seit Jahren dafür stark macht und es 2007 dazu in Hamburg einen vielbeachteten Kongress gegeben hat.

Thubten Chodron, die in ihren eigenen Vorträgen zur „Arbeit mit Ärger“ und zum „Umgang mit Emotionen“ in sehr humorvoller Weise zeigte, was destruktive Gefühle mit überzogener Selbstzentriertheit zu tun haben, meinte, es ginge auch bei der Blockade gegen die Nonnenordination letztlich nicht um faktische Probleme, sondern um Emotionen wie Angst und Unsicherheit, zu deren Abwehr sich dann entsprechende Sachargumente gesucht würden. Aber Emotionen seien veränderbar, so ihr Tenor, die Arbeit mit ihnen sei immerhin Teil der Geistesschulung.

Carola Roloff betonte, dass es wichtig sei, bei der Adaption des Buddhismus im Westen Sorgfalt walten zu lassen und nicht Formen zu verankern, die unserem Verständnis von
Menschenrechten und Demokratie widersprächen. Religionsfreiheit sei nicht so absolut zu setzen, dass die Geschlechtergerechtigkeit dabei unter den Tisch falle. Sylvia Wetzel erinnerte daran, dass der tibetische Buddhismus quasi aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert worden und dies stets zu berücksichtigen sei, allerdings höre es mit ihrer Geduld auf, wenn westliche Lehrende hierarchische Strukturen verteidigten, die einseitig Männern zugutekämen und immer noch eine männliche Wiedergeburt favorisierten. Geshe Kelsang Wangmo, die weltweit erste Frau mit einem Geshe-Titel (siehe BA 4 /2013), erzählte von den Problemen, aber auch der großen Unterstützung, die sie als die einzige Frau in ihrer Klasse durch ihre Mönchskollegen erfahren hatte.

Die gegenwärtige Situation der Nonnen/Frauen im tibetischen Buddhismus spiegelte sich nicht zuletzt in der Sitzordnung auf der Bühne, als der Dalai Lama am zweiten und dritten
Tag unter dem Titel „Das Leben meistern durch Geistesschulung“ Belehrungen zu Shantidevas „Eintritt in das Leben zur Erleuchtung“ gab (www.auditorium-netzwerk.de).

In der ersten Reihe rechts und links vom Dalai Lama saßen nur tibetische Mönche und erst in den Reihen dahinter auch Nonnen. Der Dalai Lama bat dann aber Geshe Kelsang Wangmo, sich direkt neben den Übersetzer Christoph Spitz zu setzen.

Avalokitesvara – der Buddha des Mitgefühls
Am letzten Tag seines Besuchs gab der Dalai Lama noch eine Einweihung in Avalokitesvara, den Buddha des Mitgefühls. Auf die Frage eines Besuchers, was ihm die Kraft gebe, weiterzumachen trotz der oft so hoffnungslos erscheinenden Situation in der Welt und der vielen Rückschläge, auch was die Situation in Tibet angehe, sagte der Dalai Lama, sein Leben sei ganz dem Dienst an anderen gewidmet, das gebe ihm die Kraft – ihm, der als Dalai Lama als die Verkörperung Avalokitesvaras gilt.

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