Die Tsoknyi-Nangchen-Nonnen – Diese Frauen verkörpern einen unglaublichen Reichtum an Liebe …

Diese Frauen verkörpern einen unglaublichen Reichtum an Liebe, Mitgefühl und buddhistische Weisheit in seiner weiblichen Form. Dies erachte ich als sehr kostbar. Sollte das Licht dieser Tradition von der Erde verschwinden, werden auch die Wärme und der Segen der lebendigen Tradition dieser Frauen, deren Zeugen wir sind, für immer verschwunden sein. Selbst wenn uns ihre Texte erhalten bleiben.
Drubwang Tsoknyi Rinpoche

aus: BUDDHISMUSaktuell 4/14

In der abgeschiedenen Weite der Berge von Nangchen in Osttibet existiert eine einzigartige spirituelle Linie. Gelebt, bewahrt und weitergeführt wird sie von über 2 000 Nonnen und Yoginis unter sehr schwierigen physischen, materiellen und klimatischen Bedingungen. Viele dieser Frauen haben mittlerweile Jahrzehnte in strenger spiritueller Klausur verbracht.

Die Nonnen von Nangchen werden in ganz Tibet auch von großen buddhistischen Meisterinnen und Meistern für ihre tiefgründige Yogi-Praxis und Meditation geschätzt.
Diese Nonnen sind Teil einer lebendigen Tradition. „Tsoknyi Rinpoche I, ein Meditationsmeister des 19. Jahrhunderts, war ein Yogi und sah die Fähigkeiten der Frauen“, so Drubwang Tsoknyi Rinpoche, der dritte in dieser Linie, bei einem Gespräch im April dieses Jahres. Nonnen erhielten damals nicht die gleiche Bildung und konnten nicht die gleiche Praxis ausüben wie Mönche, denn Männer hatten Vorrang. Deshalb kümmerte er sich um bessere Lebensbedingungen für diese Nonnen. Aus dem Mutterkloster kamen
später mehr als 3 000 Nonnen.

Tsoknyi Rinpoche I war davon überzeugt, dass Frauen, die sich für ein monastisches Leben entscheiden, zu außergewöhnlichen spirituell Praktizierenden heranreifen könnten – vorausgesetzt, man ermöglichte ihnen ähnlich optimale Rahmenbedingungen, wie sie für Mönche in der Regel gegeben waren. Welch eine Vision in einer Zeit und einem Land, in dem Frauen im Allgemeinen und Nonnen im Besonderen nicht viel galten!

Damals bestand der allgemeine Konsens, das Beste, was einer Frau passieren könne, sei,
so viele Verdienste anzusammeln, dass sie als Mann wiedergeboren werde. Bis heute gibt
es im tibetischen Buddhismus keine volle Nonnenordination, und erst allmählich entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, wie wertvoll und unabdingbar der Beitrag von Frauen zum gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Leben ist, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich in diesen Bereichen frei zu entfalten.

Die Vision des ersten Tsoknyi Rinpoche trägt bis in unsere Zeit. Die Tsoknyi-Nangchen-Nonnen, ihre weibliche Übertragungslinie und ihre der spirituellen Entfaltung gewidmete Lebensweise sind heute ein weltweit einzigartiges Phänomen. Dass es diese Linie überhaupt noch gibt, grenzt fast an ein Wunder. Denn während der Kulturrevolution der sechziger Jahre wurden die 40 Klöster, in denen um die 4 000 Nonnen praktizierten, fast komplett zerstört. Viele Frauen verloren ihr Leben, die Überlebenden ihre gesamte Existenzgrundlage. Sie mussten in ihre Familien zurückkehren oder anderweitig für ihren Lebensunterhalt sorgen, einige wenige flüchteten in die Berge und lebten fortan in Höhlen. Die Tradition drohte auszusterben.

In den Achtzigerjahren aber kamen viele dieser Frauen zurück. Sie begannen, ihre Klöster mit den einfachsten Mitteln und ohne Maschinen oder technische Gerätschaften wieder aufzubauen und zu beleben. Gegenwärtig sind es 26 Klöster. Unter extrem schwierigen physischen Bedingungen sind die Nonnen bis heute darum bemüht, ihr spirituelles Erbe an die nächste Generation weiterzugeben.

Ich möchte, dass diese Tradition nicht abreißt. Es ist eine weibliche Tradition der Erleuchtung, die gepflegt werden muss, wenn sie nicht verschwinden soll. Ich möchte dabei helfen, wo immer ich kann. Es ist für mich keine Pflicht, der ich nachkommen muss. Sie bewahren ihre Tradition und wir versuchen, sie zu dabei zu unterstützen. (D.T.R.)

Die unbefestigte Straße wird von Tibetern in Festtagskleidung gesäumt. Sie halten Katas
in den Händen, die traditionellen Begrüßungsschals. Freudige Erwartung liegt in der Luft.
Schließlich türmen sich am Horizont Staubwolken auf, die langsam näher kommen. Es
sind die Jeeps einer Pilgergruppe amerikanischer Schülerinnen, die mit Drubwang Tsoknyi Rinpoche, dem dritten seiner Linie, auf dem Weg in die Berge von Nangchen sind. Begleitet wird die Gruppe von der Filmemacherin Victress Hitchcock, die über diese Reise und die Begegnung mit den hier lebenden Nonnen und Yoginis den berührenden Film „Blessings“ dreht.

Den letzten Teil des Weges wird die Gruppe auf Pferden zurücklegen müssen, da die Klöster abseits jeder befahrbaren Straße hoch oben in den Bergen liegen. In einer Filmsequenz sieht man Tsoknyi Rinpoche ausgelassen mit seinen westlichen Schülerinnen scherzen, in einer anderen den Wartenden am Straßenrand Segen erteilen; später wird er auf einem Thron vor den Nonnen in einem der Klöster sitzen und auf traditionelle Weise Belehrungen geben. So vollkommen verschieden scheinen die Welten. Sieht Tsoknyi Rinpoche sich eher als Wanderer zwischen diesen Welten oder als Brücke? Wie erlebt er die wechselnden Rollen, die er einnehmen muss?

Ich bin eine Brücke. Ich lebe in beiden Welten. Und ich fühle mich gut dabei. Ich
habe meinen eigenen Lebensstil entwickelt und mich selbst in beiden Welten gefunden.
Ich lebe nicht mehr wie ein Westler oder wie ein Tibeter, ich lebe auf meine eigene Art.
Ich glaube, das ist das Gesündeste für mich. Ich habe keine kulturellen Probleme
damit, beides zu verbinden. Die buddhistischen Lehren erlauben mir, mich in diesem
Lebensstil zurechtzufinden, denn ihre Grundsätze sind in Ost und West prinzipiell
die gleichen und können der jeweiligen Lebenswelt angepasst werden. So lebe ich. Ich
kann sehr traditionell, aber auch sehr modern sein. Das liegt in meiner Hand. (D.T.R.)

Mehr als 2 000 Nonnen der Tsoknyi-Linie praktizieren heute in den 26 Klöstern in Nangchen. Das intensive Studiensystem der Klöster umfasst eine drei- oder neunjährige Klausur. Zahlreiche Nonnen haben sich sogar für eine lebenslange Klausur und ein lebenslanges Schweigegelübde entschieden. Viele von ihnen sind Meisterinnen komplexer Yogi-Meditationspraktiken. Diese gehören zu den ältesten Schätzen der weiblichen tibetischen Weisheitslinien.

Diese Frauen leben Tausende Kilometer entfernt von uns, doch durch Medien wie
Film oder Fotografie können sie uns sehr nahe kommen. Man sieht sie im Film in
Würde, Kraft und Schönheit ihrer Arbeit nachgehen, Rituale vollziehen, in „festlichem
Ornat“ die traditionellen Instrumente spielen, singen, beten, meditieren, den Belehrungen
Tsoknyi Rinpoches lauschen, lachen, sich freuen, neugierig und offen den körperlich
viel größeren Westlerinnen begegnen und nach Möglichkeiten der nicht sprachlichen
Verständigung suchen und diese auch finden. Und gleichzeitig zeigt „Blessings“ eine Welt
und ein Leben, die nicht weiter von unseren hiesigen Erfahrungsräumen entfernt sein
könnten.

Eine der Amerikanerinnen fragt sich vor der Kamera angesichts der bedingungslosen
Hingabe dieser Nonnen, ihrer tiefen Religiosität inmitten äußerster Kargheit, ob wir im Westen überhaupt das Gleiche praktizierten wie diese Frauen, wo viele von uns „ihre Praxis“ in einen immer volleren Alltag stopfen, an unserem Lebensstil aber nur selten rütteln wollen. Kann man da überhaupt noch irgendetwas vergleichen, auch wenn in beiden Fällen der Buddha der Referenzpunkt ist?

Mich erinnern die Filmaufnahmen oder auch die hier in Buddhismus aktuell abgedruckten
Porträts an den Film „Die große Stille“ von Philip Gröning, der ebenfalls Bilder einer tiefen Religiosität zeigt: das Leben von Karthäuser-Mönchen, die sich einem weitgehenden
Schweigegelübde und einem strengen Regelwerk verpflichtet haben. Auch wenn die Nonnen von Nangchen viel fröhlicher wirken und weit mehr Lebenslust ausstrahlen als die christlichen Mönche, ist ihre Hingabe an die religiöse Praxis nicht geringer und ihr
Tagesablauf nicht weniger herausfordernd.

Der typische Klausurtag einer Nonne in Nangchen beginnt gegen 3:30 Uhr mit einer dreistündigen Meditationssitzung. Insgesamt vier davon stehen auf dem Tagesplan. In der Nacht meditieren und schlafen die Nonnen sitzend und praktizieren die traditionelle Praxis des Traumyoga. Diese Lebensweise, die so vollständig der spirituellen Verwirklichung gewidmet ist, hat wenig gemeinsam mit der täglichen halbstündigen Meditation oder dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch des „normalen“ buddhistisch oder christlich Praktizierenden.

Die wenigsten von uns könnten sich wohl vorstellen, so zu leben, doch bildet diese Lebensweise oft genug eine Projektionsfläche für unserer Sehnsüchte nach einem „authentischen religiösen“ Leben. Oder aber sie erscheint uns vollkommen exotisch und fremd. Aber vielleicht gibt es auch noch andere Berührungspunkte, als wir gemeinhin annehmen?

Und so wollen die Fotos der Nonnen von Nangchen auf diesen Seiten dazu einladen,
diesen Frauen zu begegnen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Letztlich sind wir
nicht getrennt voneinander, sondern bedingen einander. Wie heißt es doch so klar und
einfach als Beschreibung des Abhängigen Entstehens: Dies ist, weil jenes ist. Jenes ist,
weil dieses ist.

Drubwang Tsoknyi Rinpoche ist mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, aber natürlich
tief vertraut mit der tibetischen Kultur. Wie erlebt er diese beiden Welten? An welchen
Stellen treffen sie sich seiner Meinung nach?

Die Essenz der Religiosität ist überall die gleiche. Es gibt religiöse Elemente, die kulturell verankert sind und andere, die universal sind. Eine Kultur ergibt nur Sinn für die in ihr Lebenden. Doch unsere grundlegenden Rituale sind nicht so stark kulturell gebunden. Sie können, zum Beispiel im Westen, kulturell angepasst werden. Der Kern bleibt Teil des Dharma und somit allen menschlichen Wesen zugänglich.

Wir drücken uns als Menschen, die wir unter unterschiedlichen Bedingungen leben, unterschiedlich aus. Das moderne Leben unterscheidet sich vom alten, traditionellen tibetischen Leben. Doch auf der tieferen, grundlegenden Ebene erleben wir alle Freude und Schmerz. Unsere grundlegenden Bedürfnisse sind ebenfalls gleich. Daher empfinde ich zwischen diesen beiden Welten keine grundsätzlichen Unterschiede. Mag diese oder jene Farbe für diesen oder jenen Glauben stehen, grundsätzlich sind wir alle gleich.

Aber natürlich kann sich das Menschsein auf vielerlei Weise ausdrücken. Es gibt sowohl in der östlichen wie in der westlichen Kultur positive wie negative Aspekte. Ich versuche, das Gute aus beiden Kulturen auf neue Weise zusammenzuführen.

Ich versuche, moderne Bildung mit den Traditionen der Nonnen zusammenzubringen.
Sie leben ihre Tradition, verfügen jedoch nicht über moderne Bildung. Es mangelt z. B. an Hygiene. Die moderne Zivilisation erreicht inzwischen auch abgelegene Gegenden, und sie müssen sich damit arrangieren. Sie verfügen über ausgeprägte eigene Werte und innere Qualitäten, sie praktizieren tiefes Mitgefühl und tiefe Liebe, doch sie sind nie in eine Schule gegangen. Deshalb versuche ich, sowohl die normale Schulbildung als auch die Tsoknyi-Tradition bei ihnen zu etablieren.

In meiner eigenen Lehre versuche ich die Tsoknyi-Tradition mit den Lehren der Tradition der Nonnen zu verbinden und sie in die moderne Welt zu integrieren. Dabei werfe ich Überflüssiges, das heute nicht mehr zu gebrauchen ist, über Bord und bewahre das, was für unser heutiges, modernes Leben noch nützlich sein kann. Dazu gehört das grundsätzliche Gute des Nonnenlebens.

Sherab Zangmo verkörperte die Einfachheit, Ausdauer und spirituelle Kraft der älteren Generation der Nonnen der Tsoknyi-Linie. Mit zehn Jahren wurde sie ins Kloster gegeben. Sie erlebte Winter auf über 4 200 Metern Höhe bei niedrigsten Temperaturen mit nur begrenzten oder gar keinen Heizmöglichkeiten.

Tag für Tag musste sie Kanister mit Flusswasser über lange und vereiste Pfade tragen. Später, zur Zeit der Kulturrevolution, musste sie schmerzlich miterleben, wie mehr als 40 Klöster, die mehr als 4 000 Nonnen eine Heimat geboten hatten, innerhalb weniger Wochen zerstört wurden. Der Verfolgung der chinesischen Soldaten entkam sie, indem sie sich in entlegenen Höhlen versteckte. Jahre später baute sie gemeinsam mit anderen Überlebenden einen Großteil der Klöster wieder auf.

Heute beherbergen sie rund 2 000 Nonnen. Während Sherab Zangmos äußere Welt durch Gewalt und Elend zusammenbrach, lebte sie eine reiche und tiefe Praxis von Mitgefühl, Gleichmut und Liebe und erlangte tiefe Verwirklichung. Inmitten der harten Bedingungen ermutigte sie auch andere Frauen dazu, unbeirrt von großer Armut und Entbehrungen
zu lesen, zu studieren und zu praktizieren. Sherab Zangmo gilt als eine der am höchsten verwirklichten Praktizierenden von ganz Nangchen.

Mehr als 20 Jahre verbrachte sie in Klausur, ehe sie die neue Generation von Yoginis
unterrichtete, durch ihre Persönlichkeit ermutigte und immer wieder inspirierte. Sie starb 2008.

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