Es ist heute nötig, gegen den Strom zu schwimmen

Professor Samdhong Rinpoche ist ein weltweit hochgeachteter Gelehrter des tibetischen Buddhismus. Darüber hinaus war er auf politischer Ebene sehr aktiv und zehn Jahre lang Premierminister der tibetischen Exilregierung. Er gilt als enger Vertrauter des Dalai Lama. Im November 2013 hielt er sich einige Tage in Deutschland auf, um Vorträge zu halten und Seminare zu geben. In Berlin entstand das folgende Interview.

aus: BUDDHISMUSaktuell 2/14

Ursula Richard: Professor Samdhong Rinpoche, Ihr Vortrag hatte den Titel: „Kann buddhistisches Wissen helfen, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen?“ Was sind Ihres Erachtens denn die besonderen Herausforderungen unserer Zeit?

Prof. Samdhong Rinpoche: Eine besondere Herausforderung besteht in der Kommerzialisierung von Gewalt. Um die Gewalt herum hat sich ein eigener Markt, eine eigene Industrie etabliert. Diese kommerzialisierte Gewalt benötigt keinen Grund mehr, um auszubrechen, und sie findet auch kein Ende. Sie ist zu einem kontinuierlichen Prozess geworden. So entstehen offiziell erklärte wie unerklärte Kriege, gewaltsame Konflikte ethnischer und nationaler Art. All dies gehört zu den größten Herausforderungen, denen wir uns heute ausgesetzt sehen.

Die zweite große Herausforderung ist die wachsende ökonomische Ungleichheit zwischen besitzenden und besitzlosen Menschen bzw. die wachsende Ausbeutung der Besitzlosen durch die Besitzenden. Die dritte Herausforderung ist die durch die Industrialisierung forcierte Herabsetzung der Natur zu einer verwertbaren Ressource.

So ist das Ökosystem zerstört worden. Eine Folge ist der Klimawandel, dessen furchtbare Folgen wir zuletzt auf den Philippinen studieren konnten. Eine vierte große Herausforderung besteht in den kulturellen Konflikten, die weltweit durch religiöse Einflüsse verstärkt werden.

Diesen Herausforderungen kann entweder mit dem Geist der Verbundenheit oder mit einem an Sieg und Niederlage orientierten Wettbewerbsgeist begegnet werden.
Ein Geist, der die wechselseitige Abhängigkeit in Konflikten beachtet, versucht, Liebe an die Stelle von Hass zu setzen. Buddhistisches Wissen kann hier helfen und als Heilmittel wirken.

UR: An welche speziellen Aspekte buddhistischen Wissens denken Sie dabei genau?

SR: Ich denke dabei an das zentrale buddhistische Konzept der Verbundenheit, das unser Gegenüber stets als gleichwertig respektiert. Dieses Wissen beinhaltet die Erfahrung, dass, wann immer wir jemand anders direkt oder indirekt demütigen, wir uns selbst demütigen. So gesehen delegitimiert sich Gewalt von selbst. Dazu kommt, dass die derzeitige Weltordnung dafür sorgt, dass Waffen jeglicher Art in jedem Konflikt verfügbar sind. Es gibt keine Begrenzung mehr von Waffen eines bestimmten Typs für bestimmte Konflikte.

Martin Luther King sagte einmal, heutzutage haben wir nicht mehr die Wahl zwischen Gewalt und Nichtgewalt, sondern nur noch zwischen Nichtgewalt und Auslöschung unserer Existenz. Sowohl nukleare als auch Waffen anderer Art sind heute in einem Maße verbreitet, dass wir den gesamten Planeten mehrere Male zerstören könnten.

UR: In Ihrem Vortrag haben Sie die Notwendigkeit erwähnt, gegen den Strom zu schwimmen oder „auszusteigen“. Was meinen Sie damit?

SR: „Aussteigen“ bedeutet, nicht mehr dieser Logik von Gewalt und Gegengewalt zu folgen. Es bedeutet, Gerechtigkeit ohne gewaltsame Revolutionen oder gewaltsamen Widerstand zu erstreiten und zwar durch respektvollen Ungehorsam. Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir selbst zu einer gewaltvollen Konfliktpartei.

UR: „Schwimmen gegen den Strom“ und „Aussteigen“ bedeuten also, nicht an Gewalt teilzunehmen. Glauben Sie, dass dies mitten in der Gesellschaft möglich ist oder müssen wir dafür aus der Gesellschaft insgesamt „aussteigen“?

SR: Nein, wir müssen dafür nicht die Gesellschaft verlassen. Es ist eine Art Widerstand. Revolutionen verändern die Gesellschaft von Grund auf. Doch selbst wenn wir dazu nicht in der Lage sind, können wir doch aus der zerstörerischen Logik aussteigen, indem wir uns verweigern und kein Teil mehr von ihr sind. Wir können dies, indem wir ein Leben auf der Basis unserer Bedürfnisse und nicht auf der Basis von Gier führen.

UR: Aber was bedeutet „Schwimmen gegen den Strom“ in diesem Zusammenhang?

SR: „Schwimmen gegen den Strom“ bedeutet, gegen das derzeitige System zu revoltieren. Es bedeutet, aktiv, aber gewaltfrei gegen das System zu handeln. Gewalt löst kein einziges Problem, es nährt Probleme.

UR: Auf welchen buddhistischen Werten könnten Revolutionen basieren?

SR: Dazu zählen das Ziel, allen Menschen Wohlergehen zu sichern, die Ausbreitung eines global zerstörerischen Lebensstils zu verhindern und die Kultur des ständigen von Gier getriebenen Vergleichs und Wettbewerbs zu stoppen. Die Menschheit ist zu einem globalen Konsumenten geworden. Dinge werden kaum noch benutzt, sondern nur noch konsumiert. Unsere Bedürfnisse werden heute fast vollständig von den Warenproduzenten bestimmt. Sie unterliegen kaum noch unseren eigenen Antrieben und Definitionen. Globalität hat Lokalität vollständig verdrängt. Wir sollten aber bedürfnisorientiert, lokal verortet, ökologisch und gewaltlos leben. Diese buddhistisch basierten Werte stehen indirekter Opposition zum derzeitigen globalen System.

UR: Der Dalai Lama spricht oft über die Notwendigkeit einer säkularen Ethik, die nicht auf einer einzigen Religion beruhen dürfe. Was meinen Sie dazu?

SR: Jede Religion formuliert eine Ethik. Doch jede schließt damit auch die Vorstellungen anderer Religionen aus. Auf diese Weise entsteht keine Harmonie. Es entstehen sogar Trennungen und Konflikte daraus. Deshalb spricht der Dalai Lama davon, dass eine globale Ethik über die Ethiken der einzelnen Religionen hinausgehen müsse. Außerdem gehören viele Menschen überall in der Welt heute gar keiner Religion an.

Auch die Nichtgläubigen benötigen ethische Prinzipien, um angemessen in einer Gesellschaft zu leben. Diese vom Dalai Lama propagierte säkulare Ethik muss daher universal anwendbar sein. Der Bedarf an solch universal gültigen Prinzipien ist
sehr groß.

UR: Westliche Ansätze, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, finden sich in den Wissenschaften, den Natur- und den Geisteswissenschaften wie Psychologie und Philosophie. Wie beurteilen Sie das Verhältnis dieser Ansätze zum buddhistischen Wissen?

SR: Das wissenschaftliche Wissen von heute verfehlt weitgehend die Herausforderungen unserer Zeit. So taten vor zwanzig, dreißig Jahren Wissenschaftler die bekannt werdenden Fakten über die Umweltzerstörung damit ab, man werde eine wissenschaftliche Lösung dafür finden.

Heute sehen wir, das ist nicht geschehen. Wir müssen leider feststellen, dass wissenschaftliche und technologische Fortschritte nicht dazu beigetragen haben, die
Umweltprobleme zu lösen und den Umgang des Menschen mit der Natur zu verändern. Die globale Klimaerwärmung und der ressourcenzerstörende Umgang des Menschen konnten wissenschaftlich basiert nicht gestoppt werden.

Auch gewaltsame Konflikte konnten mithilfe von Wissenschaft und Technik nicht gelöst werden. Technologie selbst ist zum Auslöser von Gewalt und ihrer Verbreitung geworden. Wissenschaft und Technik werden den Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht.

Psychologie ist ein recht neuer und meines Erachtens begrenzter Ansatz, bei dem das Gehirn als Zentrum des Denkens und Fühlens in den Mittelpunkt gerückt wird. Doch die westliche Psychologie übersieht dabei den Geist bzw. trennt ihn vom Gehirn.

Buddhistische Psychologie verfolgt das Ziel, das Wirken des Geistes zu erklären. Selbst wenn das Gehirn eines Menschen geschädigt ist, kann er doch seinen Geist und sein Bewusstsein benutzen. Buddhistische Psychologen haben das Phänomen der Todesmeditation näher untersucht und herausgefunden, dass bei Verstorbenen, deren Körper unangetastet blieb, mitunter zwei, drei Wochen nach dem physiologisch festgestellten Tod plötzlich Gehirnaktivitäten nachweisbar waren. Während das die westliche Medizin in ihrem Versuch, den Tod eines Menschen genau zu definieren, vor unlösbare Aufgabe stellt, sieht die buddhistische Psychologie dies als Aktivität des Geistes.

UR: Im Mittelpunkt Ihres Wirkens als Lehrer steht das Konzept des tendrel. Was beinhaltet es?

SR: Es beinhaltet die Verbundenheit und gegenseitige Anhängigkeit aller Erscheinungen. Diese Aspekte müssen analysiert und verstanden werden. Erstens ist es dafür notwendig, die gegenseitige Abhängigkeit von Subjekt und Objekt zu verstehen. Sie findet ihren Ausdruck z. B. im Zusammenwirken von Geist und Körper oder von Ursache und Wirkung. Auch die Einheit von Raum und Zeit zeigt uns, dass nichts allein, sondern nur im Zusammenhang mit anderen Faktoren bestehen kann.

Diese allen Dingen inhärente Natur des Zusammenwirkens mit allem anderen ist die Quelle jeglicher Kreativität. Das Verstehen dieses Zusammenhangs führt zu Fortschritt und persönlicher Entwicklung. Was ich als Lehrer zu vermitteln versuche, ist die Abhängigkeit jedes Lebewesens von anderen Lebewesen und unser aller Abhängigkeit von
den Lebensmitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Sobald ein einziges Lebewesen gedemütigt wird, werden auch alle anderen gedemütigt und die Folge dieses Handelns fällt auf einen selbst zurück. Jedes Lebewesen sucht nach
Glück und Frieden. Kein einziges sucht nach Leid und Schmerz. Daher sind wir alle gleich in unserem Bestreben, aber auch in unserer Verantwortung. Ich und die Welt lassen sich nicht voneinander trennen.

UR: Kann man sagen, dass das Bewusstsein der Verbundenheit die angemessenste Antwort auf die Leiden unserer Zeit ist?

SR: Ja, wenn wir im Geist der Verbundenheit handeln und Demütigungen anderer verhindern, erwirken wir automatisch Heilung. Das bedeutet, unser Geist wird von einem kompetitiven in einen kooperierenden Geist transformiert. Kooperation führt zu Konstruktivität. Konstruktiv können alle Herausforderungen angenommen werden.

UR: Sie sind ein weltweit anerkannter Lehrer und Philosoph. In der Vergangenheit hatten Sie einflussreiche Positionen in der Politik und im religiösen Leben inne. Sie sind ein enger Vertrauter des Dalai Lama. Zehn Jahre lang waren Sie Premierminister der tibetischen Exilregierung. Wie half Ihnen Ihr spirituelles Wissen, den Herausforderungen von Politik und Religion zu begegnen?

SR: Ich denke, wenn jemand ernsthaft die Absicht verfolgt, für eine gute Politik zu sorgen, braucht er einen spirituellen Hintergrund. Ansonsten ist man ein bloßes Werkzeug anderer, die ihr Spiel spielen. Gandhi war eine herausragende Persönlichkeit und ein ebenso herausragender Politiker. Ihm hat Indien seine Unabhängigkeit und postkoloniale Entwicklung zu verdanken. Sein Erfolg war darin begründet, dass er ein Mensch mit Überzeugungen war und nicht nur mit politischen Absichten. Und diese Überzeugung bestand darin, Gerechtigkeit für die ganze Menschheit als notwendig zu erachten.

Politik ist ein Testfeld für die persönlichen Qualitäten eines Menschen. Wenn jemand Politik als Dienst an der Nation bzw. an der eigenen Bevölkerung versteht, wird er richtig agieren. Wenn das Bedürfnis nach individueller Bereicherung größer als das Bedürfnis zu dienen ist, entsteht ein Ungleichgewicht. Was Gandhi uns gezeigt hat, ist, wie Gewaltlosigkeit in der täglichen sozialen und politischen Arbeit stattfinden kann. Dieser
Ansatz war neu und dafür schätze ich Gandhi am meisten.

Ich habe diesen Ansatz in meiner Arbeit für Tibet verfolgt. Die für mich grundsätzlichen Kriterien dieser Arbeit sind Wahrheit, Gewaltlosigkeit und Demokratie. Wo immer diese Prinzipien politisch vertreten werden, kann Kooperation stattfinden. Sie haben mir während meiner zehnjährigen Amtstätigkeit geholfen, politisch zu agieren. In der Auseinandersetzung mit den ökonomischen Problemen unserer Zeit habe ich ebenso Prinzipien für mich formuliert, die mir halfen, meiner politischen Arbeit nachzugehen.

Diese Prinzipien waren und sind:
Gewaltlosigkeit, ökologisches Denken, Nachhaltigkeit und Nützlichkeit für die Ärmsten der Armen. Wenn auch nur eines dieser Prinzipien nicht erfüllt ist, kann es sich nicht um ein Projekt handeln, das es wert wäre, weiterzuverfolgen.

UR: Wie schätzen Sie die momentane Situation in Tibet ein?

SR: Die Zukunft Tibets ist schwer vorauszusagen. Sie ist eng verknüpft mit China. Solange kein positiver Wandel in China passiert, wird sich auch in Tibet nichts zum Positiven wenden. Doch die tibetische Dharma-Tradition und die tibetische Kultur werden nicht verschwinden. Sie sind längst global verankert. Die tibetische Nation kann zerstört werden, doch die Essenz, das tibetische Wissen und die tibetische Kultur, werden leben.

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