Uns in unserem Menschsein erkennen

Den lebendigen, manchmal auch bedrängenden Spuren des Vergangenen in uns Raum zu geben und sie (gemeinsam) zu betrachten kann ein machtvoller Prozess der Heilung und Transformation sein. Dieser Prozess eröffnet uns die Chance, uns in unserem Menschsein
zutiefst zu erkennen, man könnte auch sagen, uns als Buddhas zu sehen.

aus: BUDDHISMUSaktuell 2/14

„Ich habe erst kürzlich erfahren, dass ich Verwandte im Holocaust verloren habe, und ich schätze, ich habe noch viel damit zu tun, weiß aber gar nicht so genau, was“, sagt die junge Frau am Ende ihres „way seeking mind talk“ im kalifornischen Zen-Kloster Tassajara während der dreimonatigen Herbst-Übungszeit 2013.

Zuvor hat sie von ihren langjährigen Drogen- und Alkoholerfahrungen erzählt sowie von ihrer Scham, überhaupt zu leben, und ihren vielen Ängsten. All das hat sie schließlich hier
an diesen Ort geführt, an dem sie hofft, ihr auseinandergebrochenes Leben wieder zusammenzufügen.

Genau wie ich ist sie eine von denen, die an diesem Ort zum ersten Mal an einer solchen Übungszeit teilnehmen und deswegen einen Vortrag über ihren Weg zu halten haben.

Vom Holocaust, von Auschwitz, dem persönlichen Verlust von Familienangehörigen haben vor ihr bereits drei andere Menschen gesprochen, Jüdinnen und Juden, die das Glück hatten, dass ihre Eltern oder Großeltern Europa rechtzeitig verlassen und der Vernichtung entgehen konnten. Doch diese Vergangenheit ist auch in ihnen noch immer gegenwärtig, hat wesentlich dazu beigetragen, dass sie nun hier sind und Zen praktizieren.

Die Spuren der Scham, Deutsche zu sein
Ich mag diese junge Frau sehr; sie hat etwas sehr Eigenes, trägt, wenn wir nicht in Roben herumlaufen, für diesen Ort recht modische, leicht extravagante, farbenfrohe Kleidung. Gerade ihre Worte lassen mich die Spuren jener Scham wiederentdecken, die ich jahrelang wegen meines Deutschseins empfunden habe, vor allem, wenn ich mich im Ausland als Deutsche zu erkennen geben musste.

In den Boden wäre ich am liebsten versunken, als mir ein Inder vor vielen Jahren in Kalkutta „German good – Hitler great man“ zurief, während neben mir eine Gruppe junger Israelis saß. Auf Demos stimmte ich gern in den Chor derer ein, die „Nie wieder Deutschland, nie wieder Faschismus“ skandierten. Doch als ich während des Studiums
bei einem Fackelzug anlässlich der Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende mit der starken Gewissheit mitmarschierte, auf der richtigen Seite zu sein, spürte ich im flackernden Lichtschein doch auch, wie dünn und brüchig letztlich das Eis war, das mich von den Menschen trennte, die einige Jahrzehnte zuvor auf Fackelmärschen durch die Städte gezogen waren und Nazi-Parolen geschrien hatten.

In der Folge empfand ich zunehmend große Dankbarkeit dafür, nicht in jener Zeit gelebt zu haben, die so viele Möglichkeiten geboten hatte, der eigenen Feigheit, Verzagtheit, Intoleranz, Brutalität und dem eigenen Sadismus zu begegnen und sie auszuleben.

Das Vergangene will ans Licht gelangen
Hier an diesem Ort in den Bergen Kaliforniens erlebe ich bei den Worten der jungen Frau am Ende ihres Vortrags, wie auch das Eis schmilzt, das mich vielleicht immer noch von den Opfern getrennt hat. Und ich spüre die starke Gewissheit, wie wertvoll es ist, dass die Vergangenheit noch so lebendig in uns ist, so leidvoll und sogar traumatisch das im Einzelnen auch sein mag. Denn dieses Vergangene ist zu groß und zu monströs, als dass es vergessen, bewältigt oder überwunden werden könnte.

Es will erinnert werden, ans Licht gelangen. Bei diesem Prozess der Erinnerung können wir einander helfen, indem wir uns unsere Geschichten erzählen, uns füreinander öffnen, uns vorbehaltlos zuhören.

Ein kraftvoller Prozess der Heilung und Transformation
Während des Retreats mit Thich Nhat Hanh im EIAB in Waldbröl 2013 beginnt eine Frau beim nachmittäglichen Zusammensein unserer „Dharma-Familie“, von ihrem Großvater zu sprechen, der als Pharmakologe dem berüchtigten Lagerarzt im KZ Auschwitz Josef Mengele „zugearbeitet“ hatte, und wie gerade dieser Ort hier in Waldbröl das Thema plötzlich für sie wieder sehr lebendig hat werden lassen. Die Frau neben ihr erzählt von
ihrem Vater, der ganz ähnlich aktiv gewesen war – und plötzlich sind wir in dieser Gruppe alle in dieses weite Feld eingetaucht, betrachten die Spuren des Vergangenen in uns, fassen sie in Worte oder in Tränen oder in Schweigen.

Dieses Feld umfasst die Spuren des Leids, der Gewalt, der Trauer, der Scham, der Verzweiflung, aber ebenso auch die Spuren der Lebensfreude, der Kraft, der Liebe und des Mitgefühls. Sie befreien können wir, so meine Erfahrung, nur gemeinsam. Und das ist ein machtvoller Prozess der Heilung und Transformation.

Wenige Monate später bin ich bei einer Veranstaltung der Stiftung Überbrücken in Berlin. Sie leistet Friedensarbeit durch bewusste Öffnung für verschwiegene und verdrängte Erfahrungen mit Gewalt. „Ausgangspunkt war unsere Arbeit mit traumatisierten Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien“, sagte die Vorsitzende Bosiljka Schedlich, die ich drei Jahre vorher bei einem buddhistischen Retreat kennengelernt hatte. „Es kamen aber immer wieder Deutsche zu uns, die uns helfen wollten. Doch wir haben gesehen, auch sie sind vielfach traumatisiert. Auch sie brauchen im Grunde Hilfe, und das hat
unsere Perspektive erweitert.“

An diesem Nachmittag stellt Kathleen Battke ihr Buch Trümmerkindheit – Erinnerungsarbeit und biografisches Schreiben für Kriegskinder und Kriegsenkel
vor und spricht in sehr berührender Weise über ihre Mutter. Das öffnet Türen zu vielen inneren Räumen und ein sehr persönlicher Austausch entwickelt sich. An der Wand lehnt eine Frau, vielleicht 60 Jahre alt. Sie lächelt, als Bosiljka Schedlich sie als die Frau vorstellt, die heute für unser leibliches Wohl sorgt. „Wie durch ein Wunder hat sie das Massaker von Srebrenica überlebt, stand nur einen Meter von ihrem potenziellen Mörder entfernt. Sie kam zu uns, traumatisiert, wollte aber kein Opfer mehr sein. Und nun bietet sie uns das an, was sie so gut kann – kochen.“

Beim Essen nach der Lesung stehen wir plötzlich zusammen und ich sehe, dass ihre Hände zittern. Ihre Augen scheinen zugleich zu lächeln und zu weinen. Sie haben wohl alles gesehen, was Menschen einander antun können. Ich verabschiede mich von ihr, wir sehen uns lange an und umarmen uns. Und ich denke: Nur darum geht’s. Nur darum – um Liebe.

Uns in unserem Menschsein erkennen
In Tassajara, dem Zen-Kloster, hätte ich es nie gewagt, meine Gedanken über den Wert vergangener Spuren in uns im Anschluss an den Vortrag der jungen Frau zu äußern, da ich das Gefühl habe, angesichts ihrer leidvollen Geschichte stehe mir das nicht zu. Ich spreche darüber dann zwei Wochen später in meinem Vortrag, in dem ich auch von meine persönlichen Geschichte als Tochter von Eltern erzähle, die ihre Kindheit und Jugend während der Nazi- und Kriegszeit verbringen mussten, aus Familien stammend, die zwar gegen die Nazis waren (weil: zu katholisch die eine, zu sozialdemokratisch die andere), aber auch keinen aktiven Widerstand geleistet haben.

Bei meinen Vorbereitungen darauf kommt mir auf einmal die Frage in den Sinn, wie sehr ich die diesbezüglichen Erfahrungen und das Leid meiner Eltern bisher wirklich
nah an mich habe herangelassen, und ich denke: „Vielleicht habe ich damit ja noch viel mehr zu tun, als ich bisher immer dachte.“ Während des Vortrags spüre ich, wie sehr ich mich innerlich immer wieder an die junge Frau wende und ihr mit meinen Worten Mut machen will.

Da es in diesen Vorträgen aber vor allem darum gehen soll, den anderen davon zu berichten, was uns auf den Weg und damit letztlich auch nach Tassajara gebracht hat,
erzähle ich unter anderem auch von Ängsten und Panikattacken, die mich jahrelang geplagt und letztlich sehr zu meiner Begegnung mit dem Buddhismus beigetragen
haben.

Einen Tag später kommt die junge Frau zu mir, dankt mir für meine Worte und umarmt mich. Ich denke, ihr hat gefallen, dass ich ihr Thema mit dem Holocaust aufgegriffen habe. Zu meiner Verblüffung sagt sie: „Du hast über deine Ängste, deine Panik gesprochen, da habe ich mich so von dir verstanden gefühlt.“ Auch wir haben, so scheint es mir, das große Glück gehabt, uns in unserer gemeinsamen Zeit in unserem Menschsein erkennen zu können. Darum geht’s, denke ich. Nur darum.

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