Die SUCHE nach der EINHEIT

Die US-Amerikanerin Dorothy Iannone vereinigt in ihrem Werk Malerei, Bilderzählung, Collage, autobiografisches Schreiben und Filme. Ihre Kunst entzieht sich jeder einfachen Zuschreibung, ist weder buddhistisch noch feministisch zu nennen. Durchdrungen ist diese Kunst aber von der lebenslangen tiefen Sehnsucht nach Einheit der im tibetischen Buddhismus beheimateten Künstlerin.

aus: BUDDHISMUSaktuell 2/14

„Was ist diese Süße außerhalb der Zeit?“, will ich von ihr wissen. „Ich meine damit etwas,
was in gewisser Weise vollkommen und vollständig, das absolut ist; es kann nicht beschmutzt oder geschmälert werden, es ist einfach jenseits von allem.“

Nach dieser Süße hat Dorothy Iannone, wie es scheint, ihr Leben lang gesucht, ebenso danach, sie konkret auszudrücken – im Leben, in der körperlichen Liebe, in ihrer Kunst und in ihrer Spiritualität. Ihr Thema ist die ekstatische Liebe, die sie in oft großformatigen, ornamentalen Gemälden, Bilderzählungen, Texten, Büchern und Filmen
feiert. Doch auch wenn ihr Werk, in dem sich nicht zuletzt auch eine selbstbewusste weibliche Sexualität artikuliert, von manchen als pornografisch (miss)verstanden wurde
und in Ausstellungen bis in die 90-Jahre hinein einige Mal die Genitalien überklebt werden mussten, ist es eher als Ausdruck einer lebenslangen spirituellen Reise zu deuten, die ihr Ziel in der unio mystica, der Erfahrung der Einheit, findet.

Mit 25 Jahren heiratet sie den Maler James Upham und beginnt ebenfalls zu malen, zunächst im Stil des abstrakten Expressionismus dieser Zeit. Zusammen mit Upham bereist sie die Welt, lebt zeitweise in Südfrankreich und Japan. In Reykjavík trifft sie 1967
den Schweizer Dichter, Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth. Eine zutiefst leidenschaftliche, auch künstlerisch sehr produktive Beziehung beginnt, in deren Verlauf er zu ihrer „männlichen Muse“ wird und ihr Hunderte von Briefen schreibt, während sie in
ihren Bildern das Hohe Lied der Liebe singt.

Beide pflegen intensive Kontakte zu den Fluxus-Künstlern Daniel Spoerri, Robert Filliou und Emmett Williams, deren Credo: „Kunst ist Leben, Leben ist Kunst“ dem entspricht, was Ianonne und Roth leben und kreieren. Später distanziert sie sich aber von dieser Bewegung mit den Worten „I am she who is not Fluxus“. Nach ihrer Trennung (1974) bleibt sie mit Roth bis zu dessen Tod (1998) befreundet.

Posthum schreibt sie ihm einen Brief, aus dem ihr tiefer Wunsch nach Einheitserleben im erotischen wie spirituellen Bereich als Motor ihres Lebens und Schaffens sehr deutlich wird.

Vermisse Meine Muse (1)
Nachdem wir uns getrennt hatten, fand ich eine andere Muse und dann eine andere und eine andere. Allmählich verstand ich, dass es der Drang nach ekstatischer Einheit war, der mich inspirierte. Als mich Erfahrungen dann lehrten, dass in erotischer Einheit keine dauerhafte Einheit gefunden werden kann, verlor ich doch etwas von meinem Lebensmut.

Meine Bemühungen, ihn wiederzugewinnen, führten mich in der Fortsetzung meines Weges paradoxerweise dazu, Einheit in mir selbst zu suchen. Eines Tages alleine in Stille dasitzend, fand ich in einem Augenblick vollkommenen Gewahrseins die letztendliche Einheit, nach der ich immer gesucht hatte, ohne dass ich um ihre wahre Natur gewusst hätte. Außerdem konnte ich sie mit nichts vergleichen, was ich jemals gelesen oder gehört oder mir hatte vorstellen können …

Doch es stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach war, Inspirationen aus diesem Moment des Moments, dem Geschmack absoluter Wirklichkeit zu ziehen. Da war keine Muse, die ich körperlich umarmen konnte, die mir, und sei es noch so flüchtig, das Gefühl der Vollständigkeit gab und bei der ich weiterhin meine alten, konditionierten geistigen Gewohnheiten hätte anwenden können – Gewohnheiten, die mich in der Vergangenheit, so schien es mir, davon abgehalten hatten, die wahre Natur meines Geistes zu erkennen.

Nun wurde mit klar, dass ich neue geistige  ((es fehlt eine Seite Text))
schwer voneinander zu trennen. Ich kann vielleicht sagen, dass meine Dharma-Erfahrung
mich befähigt hat, mir des kreativen Prozesses bewusster zu sein, zu merken, wie mein Geist während meiner Arbeit leer von Gedanken und vollkommen entspannt ist und die
‚Antworten‘ irgendwie eine nach der anderen auftauchen. Manchmal finden sich in meinen Arbeiten auch Figuren, die vom tibetischen Buddhismus inspiriert sind – zum Beispiel Milarepa oder Tara. Oft integriere ich auch Texte in meine Bilder, in meiner eigenen speziellen Sprache geschrieben, die von den buddhistischen Lehren inspiriert sind.

Besonders in diesen Texten tauchen Wege auf, meine Subjektivität und den Dharma
zusammenzubringen. Meine Arbeiten haben stets meine spirituelle Reise wiedergespiegelt
und zur gleichen Zeit haben sie diesen Weg erhellt.“Weniger nachhaltig vielleicht als der tibetische Buddhismus hat Jahre zuvor auch das japanische Zen die Künstlerin geprägt.

Beim Rundgang durch ihre Wohnung sehe ich an einer Wand eine Reihe von Collagen aus handgeschöpftem japanischem Papier mit halb abstrakten Blumenarrangements, die sie 1962, als sie für ein halbes Jahr in Kyoto lebte, geschaffen hat. Der Zen-Haltung, mit der sie in Japan persönlich Bekanntschaft schließen konnte, nachdem sie ihr zuvor in den Werken von R. H. Blyth begegnet war, hat sie sich sehr verwandt gefühlt.

Nie hat sie formale Zen-Meditation geübt, doch vielleicht, so sagt sie, drückt sich in ihren
Collagen ihre eigene Form der Zen-Meditation aus. Der Kunstwissenschaftler Michael Glasmeier spricht in „Sprachen der Liebe“, seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog (2), von einem „nomadischen Bildkosmos unterschiedlichster Einflussbereiche“, der nicht zuletzt durch die vielen Reisen der Künstlerin Eingang in ihr Werk gefunden hat, in dem aber auch der „katholisch-abendländische konstant präsent bleibt … selbst wenn die ethnologischen und buddhistischen Bild- und Symbolsprachen in ihrem Werk zunahmen und nach dem Beginn ihres Studiums des tibetischen Buddhismus 1985 zu dominieren scheinen.“

Gemeinsam ist den Zugriffen Iannones auf diese unterschiedlichen Welten sicherlich ihr Wunsch, eine spirituelle Sehnsucht zu bebildern oder zu versprachlichen, die in den mystischen Richtungen aller Traditionen Heimat finden kann.

Am Ende ihres Interviews fragt Noa Jones Dorothy Iannone nach ihren Gedanken zu Tod und Sterben. Die Künstlerin sagt: „Ich hoffe, dass ich mich im Augenblick des Todes an den Meister erinnern werde. Mir ist bewusst geworden, dass in einer gefährlichen Situation bei Alarmstufe Rot mein erster Gedanke stets meinem Meister gilt. Meine abendlichen Gebete enden immer mit dem Wunsch, lang genug zu leben, um mein Leben, meine Arbeit und den Dharma zusammenzubringen, und dass alles, was ich tue, zum Wohle aller Wesen ist.

Was das Sterben betrifft, hoffe ich, dass ich imstande sein werde, es gut zu tun, in welcher Form es auch immer zu mir kommen wird. Ich weiß, dass die Vollendung eines Kunstwerks stets ein großartiges Gefühl ist. Wir werden es sehen.“ (3)

Noch aber ist Dorothy Iannone äußerst wach und lebendig, noch ist das Gesamtkunstwerk
Dorothy Iannone nicht vollendet. Es ist zutiefst inspirierend in seiner Lebendigkeit, Farbigkeit und Süße.
(1) Dieter Roth/Dorothy Iannone, Dieter and Dorothy, Bilgerverlag 2002 (Übers. UR)
(2) Michael Glasmeier, „Sprachen der Liebe“ in: Dorothy Iannone, This Sweetness Outside of Time, Gemälde, Objekte, Bücher und Filme 1959-2014, Kerber Verlag, 2014
(3) Noa Jones, „This Buddhist Life, Interview with Dorothy Iannone, Tricycle, Spring 2013 (Übers. UR)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.