Unity in Duality – Eine Lebensschulung für Menschen unserer Zeit

aus: BUDDHISMUSaktuell 1/14

Tarab Tulku Rinpoche hat ein Trainings- und Studienprogramm entwickelt – Unity in Duality –, das buddhistische Philosophie und Psychologie auf lebenspraktische
Weise vermittelt und in dessen Zentrum die Lehren der wechselseitigen Abhängigkeit alles Existierenden steht.

Die Dänin Lene Handberg hat mit ihm jahrzehntelang eng zusammengearbeitet und führt seine Arbeit nach seinem Tod 2004 erfolgreich weiter. Im November 2013 traf ich sie zu einem Gespräch.

„Alles steht mit allem in wechselseitiger Beziehung und nichts existiert aus sich selbst heraus.“ Diese zunächst so abstrakt scheinende Aussage über die wechselseitig abhängige Natur alles Existierenden hat sehr weitreichende, lebenspraktische Konsequenzen.

Tarab Tulku Rinpoche hat diese Beziehung Zeit seines Lebens, zunächst in Tibet und später im Westen, erforscht, ihre Essenz aus der „Inneren Wissenschaft von Bewusstsein und Wirklichkeit“, wie sie traditionell in den Sutras und Tantras gelehrt wird, herauskristallisiert, um sie den Menschen heute in Ost und West zugänglich zu machen.

Zwar sind diese Lehren vor allem auf buddhistischem Mutterboden gewachsen, doch beinhalten sie universell wirksame Prinzipien und sind da-her für Menschen jedweder religiösen oder spirituellen Orientierung relevant und an-wendbar.

„Wir können so viel von dieser alten Inneren Wissenschaftstradition lernen, um unser menschliches Potenzial zur vollen Blüte zu bringen“, erklärt Lene Handberg in einem Gespräch. „Es geht nicht nur darum, etwas über diese wechselseitige Bezogenheit in Erfahrung zu bringen, um dieses Wissen dafür zu nutzen, die Natur zu beherrschen und immer komplexere Werkzeuge und Technologien zu entwickeln, wie wir das heute tun, sondern um die Verfeinerung einer inneren Ethik und der persönlichen, interpersonellen und spirituellen Entwicklung.“

Tarab Tulku zufolge gilt es insbesondere drei Gegensatzpaare zu unterscheiden, die jeweils eine polare Einheit bilden: Subjekt – Objekt, Körper – Bewusstsein, Energie bzw. Potenzialität – Materie. „Wenn man diese Bereiche erforscht und erkennt, wie alles existiert, kann man erkennen, welch große Möglichkeiten man hat, die eigenen Erfahrungsweisen zu verändern.

Wir selbst kreieren die Realität, die uns dann als äußere, unabhängige erscheint und unter der wir oftmals leiden. Durchschauen wir das, werden wir nicht mehr so sehr unter den selbsterschaffenen Gespenstern leiden müssen und es eröffnet sich uns ein Zugang
zu unserem eigenen kreativen schöpferischen Potenzial.“

Tarab Tulku Rinpoche sah mit großem Interesse, dass viele der oben genannten wechselseitigen Bezüge von der westlichen Wissenschaft erforscht werden, dass wir uns aber schwer tun, dieses Wissen auf einer persönlichen Ebene zu implementieren, ebenso wie im zwischenmenschlichen Bereich, zwischen Nationen, Religionen oder Mensch und Natur.

Das von Tarab Tulku Rinpoche in Zusammenarbeit mit Lene Handberg entwickelte Trainings- und Studienprogramm „Unity in Duality“ (UD), das in mehreren Modulen und über mehrere Jahre hinweg dieses Wissen anwendungsbezogen vermittelt, läuft nunmehr seit über zehn Jahren mit Erfolg in einigen europäischen Ländern sowie in Indien in der von Rinpoche gegründeten Tarab Ling Association.

Es war Tarab Tulkus großes Anliegen, dass dieses Wissen, dessen Quellen ja in Indien liegen, wieder zurück in dieses Land fließt. Eine große Unterstützung ist für Lene Handberg dabei Professor Samdhong Rinpoche, mit dem sie im November 2013 für mehrere Veranstaltungen nach Deutschland gekommen ist. Er ist ein weltweit anerkannter und geschätzter buddhistischer Gelehrter, enger Vertrauter des Dalai Lama und war 10 Jahre lang Premierminister der tibetischen Exilregierung (bis 2011). (Ein
Interview mit ihm wird in der nächsten BA erscheinen.)

Sie selbst sagt von ihm: „Professor Samdhong Rinpoche war ein sehr guter Freund von Tarab Rinpoche, und er wusste, wie wertvoll dessen Arbeit ist, und so unterstützt er unsere Arbeit sehr. Er ist im Vorstand der Tarab Ling Association und ihres Akademischen Rates.“

Teilnehmende an diesen Programmen, die aus den unterschiedlichsten Berufen kommen, schätzen vor allem, wie Lene Handberg sagt, „welch unbeschreiblich detaillierte
Landkarte‘ Tarab Tulku mit UD zur Verfügung gestellt hat. Sie zeigt uns, wie wir an der
Entfaltung unserer persönlichen wie auch unserer kulturellen Wirklichkeit teilhaben,
sodass wir uns dann freundlicher und liebevoller auf uns und andere beziehen können.

Sofern wir spirituell praktizieren, erhalten wir eine ebenso ausgearbeitete Karte auch für die spirituelle Transformation von Körper- Geist und Wirklichkeit, was uns sehr hilft, uns nicht zu verirren und unsere Zeit nicht zu verschwenden.“ Eine Lebensschulung, die nicht im Theoretischen steckenbleibt, aber auch ein klares intellektuelles Verständnis als Voraussetzung für transformative Prozesse als notwendig erachtet.

Unser Gespräch führen wir in einem kleinen Hotelzimmer in Berlin-Kreuzberg am Ende eines langen Workshop-Tages mit Samdhong Rinpoche. Lene Handberg wirkt dennoch frisch und lebendig, kein bisschen angestrengt oder gestresst. Ich frage sie zum Abschluss, was ihre Vision der Welt von morgen sei.

„Meine Vision ist, dass wir miteinander in Harmonie leben, dass wir unsere menschliche Intelligenz, unsere Ressourcen konstruktiv statt destruktiv nutzen, indem wir zum Beispiel unser menschliches Potenzial in Schönheit, Freude, Gleichheit und Liebe so-wie in Harmonie mit der Natur entfalten.

Wenn wir dabei mit uns selbst beginnen und modernes und altes Wissen gleichermaßen nutzen, um Einsicht und Weisheit zu erlangen, dann, so bin ich sicher, können wir das schaffen.“

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