Achsame Kommunikation – die Sprache des Herzens

Ein Gespräch mit STEFFI HÖLTJE und MARGRET DE BAKERE darüber, wie wir in unserer Kommunikation Türen öffnen, statt Fenster schließen und auch in herausfordernden Gesprächssituationen wertschätzend bleiben können.

aus: BUDDHISMUSaktuell 1/14

Ursula Richard: Ihr leitet Kurse und Workshops in Achtsamer Kommunikation. Wie würdet ihr sie definieren, vielleicht auch im Unterschied zur Gewaltfreien Kommunikation?

Steffi Höltje: Ich würde sagen, wir unterrichten Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall B. Rosenberg eingebettet in die Achtsamkeitspraxis in der Tradition von Thich Nhat Hanh. Achtsame Kommunikation ist der Begriff, mit dem wir diese Kombination in knappe Worte zu fassen versuchen. Oft nennen wir sie auch Sprache des Herzens.
Als Margret und ich vor 20 Jahren zum ersten Mal in Plum Village – dem Zentrum von Thich Nhat Hanh in Frankreich – waren, hat uns das respektvolle und herzliche Miteinander, das wir in der Gemeinschaft dort erlebten, zutiefst bewegt. Einfühlsames Zuhören und liebevolles Sprechen fanden in vielen, in den Alltag integrierten Übungen ihren konkreten Ausdruck. Seitdem ist Kommunikation eines der wichtigsten Dharma-Tore für mich, und ich bin dankbar, in Thich Nhat Hanh einen Lehrer zu haben, der die „Rechte Rede“ sehr in den Fokus der Achtsamkeitspraxis gerückt hat, indem er viele Übungsformen wie z. B. Blumenwässern, Neubeginn, Friedensvertrag entwickelt hat.

Nach einigen Jahren habe ich dann die Gewaltfreie Kommunikation als einen weiteren kraftvollen Übungsweg entdeckt. Für mich war es eine Offenbarung, mir meine Worte genauer anzuschauen. Immer tiefer zu verstehen, welche Worte in der Kommunikation – um es mit Rosenberg zu sagen – Fenster öffnen oder Mauern errichten. Mehr und mehr habe ich erfahren, wie Gewalt in Worten zum Ausdruck kommen kann durch Verurteilungen, Schubladendenken, Vorwürfe, Interpretationen, Schuldzuweisungen, Lob und Tadel, eisiges Schweigen – manchmal in sehr subtilen Formen.

Sowohl in unserem persönlichen Leben als auch in unseren Seminaren erleben wir immer wieder, dass sich die Achtsamkeitspraxis und die Gewaltfreie Kommunikation wunderbar ergänzen und gegenseitig befruchten können; es sind Herzenswege, die uns helfen können, in Kontakt mit dem Wesentlichen zu kommen.

 UR: Welches sind die wichtigsten Werkzeuge der Achtsamen Kommunikation? Wodurch kann sie wirksam werden?

SH: Zum einen ist es für uns die Einbettung in die grundlegende Achtsamkeitspraxis – bewusstes Atmen, Gehen, Sitzen, Mettapraxis. Die Fähigkeit zum Innezuhalten und Stoppen zu kultivieren, um überhaupt erst einmal in der Lage zu sein, wahrzunehmen, was gerade in mir und um mich herum geschieht.

Auf diesem Boden kann sich dann der konkrete Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation entfalten. Was ich daran schätze, ist die Klarheit und die Struktur, die mich unterstützen, meine Achtsamkeit vom Kissen in den Alltag zu bringen – aus der Stille in den Austausch – von der Verbindung mit mir in die Verbindung mit anderen. Um aus dem Raum des Richtig und Falsch, des Rechthabenwollens“, der Enge und Kontraktion, in den Raum des Verbundenseins und der Weite zu wechseln, gibt es als Basis-Handwerkszeug die vier Schritte/Komponenten, mit denen wir herausfordernde Situationen betrachten und zu einem tieferen Verstehen von uns selbst und unserem Gegenüber gelangen können:

1 Beobachtung – was hat jemand gesagt oder getan? Die Fakten benennen, klares Betrachten der Situation ohne Interpretation und Bewertung.
2 Welche Gefühle löst diese Beobachtung in mir aus? Mir den Raum geben, Gefühle im Körper zu spüren.
3 Auf welche Bedürfnisse machen mich diese Gefühle aufmerksam?
4 Welche konkrete Bitte kann ich stellen, die dazu beiträgt, dass meine Bedürfnisse im Hier und Jetzt mehr ins Leben kommen?

Habe ich Klarheit für mich selbst erlangt, dann kann ich meine Aufmerksamkeit auf mein Gegenüber lenken und mich fragen: „Wie fühlt sie/er sich? Was braucht er/sie? Was sind ihre/seine Bedürfnisse?“ In der Gewaltfreien Kommunikation geht es immer darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten im Blick zu haben und gemeinsam nach Wegen zu suchen, die für alle stimmig sind.

Für mich sind diese einfachen – in der Umsetzung allerdings oft herausfordernden – Schritte eine große Unterstützung, mich nicht in Geschichten, Interpretationen oder Schuldzuweisungen zu verlieren. Es bietet mirdie Möglichkeit, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und mir immer wieder bewusst zu machen, dass meine Gefühle zwar durch eine bestimmte Situation oder Person ausgelöst werden können, sie aber letztlich in meinen erfüllten oder unerfüllten Bedürfnissen begründet sind.

Ich öffne mich für mein Menschsein und sehe auch den Menschen in meinem Gegenüber. Konkreter Ausdruck für diese „Menschlichkeit“ sind die Gefühle und Bedürfnisse, die wir alle haben. „Alle Menschen möchten einfach glücklich sein“ – mir dies immer wieder zu vergegenwärtigen kann Verbindung und Verstehen auf tieferer Ebene möglich machen.

Im spirituellen Kontext ist es meistens hilfreich, den Begriff Bedürfnis etwas genauer zu betrachten, denn dort wird „Bedürfnisse haben“ oft in einem Atemzug mit Anhaftung genannt. Ich kann für das Wort Bedürfnis auch andere Worte verwenden wie z. B. Lebensenergie, Lebensmotiv oder Werte. So hat diese Lebensenergie, die durch mich hindurchströmt und mich dazu motiviert zu handeln, in unterschiedlichen Situationen jeweils eine andere Färbung. Mal habe ich ein Bedürfnis nach Klarheit, mal nach Nähe, Sinn, Beitragen, Ruhe, Bewegung Bedürfnisse im Kontext der Gewaltfreien Kommunikation sind immer positiv und lebensdienlich.

Die konkreten Wege, die ich wähle, um mir ein Bedürfnis zu erfüllen, können hingegen heilsam oder aber unheilsam für mich und andere sein. Habe ich z. B. abends das Bedürfnis nach Entspannung und Ruhe, wäre ein Spaziergang in der Natur wahrscheinlich wohltuender, als den Abend surfend im Internet zu verbringen.

Die Frage der Anhaftung oder Freiheit könnte im vierten Schritt als Thema auftauchen, da, wo meine Lebensenergie ihren Ausdruck in konkreten Bitten an mich selbst und andere findet. Ich bitte meinen Partneroder meine Partnerin z. B.: „Ich wünsche mir Unterstützung und Gemeinschaft. Hast du Lust, abends gemeinsam mit mir zu meditieren?“

Wenn ich auf diese Bitte erst einmal ein Nein höre, habe ich dann die Flexibilität und Kreativität, andere Wege zu finden, die auch für meine Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Unterstützung sorgen? Es kann viel Raum und Freiheit entstehen, wenn ich nicht an meinem „Lieblingsweg“ anhafte, wie ich mir einbestimmtes Bedürfnis erfüllen möchte.

 UR: Ist Gewaltfreie oder Achtsame Kommunikation primär eine Technik oder ein innerer Prozess?

Margret de Backere: Für mich ist dieser Ansatz in erster Instanz ein innerer Prozess und ein spiri-tueller Übungsweg. Wenn ich nur an meinen Worten und Formulierungen bastele, ohne dass meine innere Haltung sich wandelt, dann wird sich sehr wahrscheinlich die Qualität der Verbindung, die ich mir wünsche, nicht entfalten. Verweile ich innerlich weiterhin im Raum des „Rechthabens“, dann schwingt dies in meinen Worten mit, und mein Gegenüber fängt diese Botschaft auf.

Zugleich ist es sehr hilfreich, mir die Worte die ich wähle, genau anzuschauen, denn sie können ein Tor zu meiner Gedankenwelt und meiner inneren Haltung sein. Wenn ich z.B. sage: „Ich fühle mich hintergangen“, bringe ich nicht nur ein Gefühl zum Ausdruck, sondern hauptsächlich meine Interpretation des Geschehens.

Es gibt jemanden, der/die mich hintergeht! Schaue ich tiefer, werden mir vielleicht noch mehr verurteilende Gedanken über mich und die andere Person bewusst. Kehre ich zu meinem ganz ursprünglichen Gefühl zurück, spüre ich vielleicht Traurigkeit oder Einsamkeit. Für mich ist es oft hilfreich, erst einmal zu merken, aus welcher Haltung heraus ich reagiere oder agiere. Ich werde mir viele, viele Male bewusst, dass ich in dem Raum der Abtrennung bin, und kann mich dann für den Raum der Verbindung entscheiden. So kann sich meine innere Haltung langsam wandeln in Richtung Offenheit, Verstehen und Mitgefühl.

Der innere Prozess ist mir auch noch in anderer Hinsicht wichtig. Die meisten von uns verwenden relativ viel Zeit und Energie auf die Fragen „Wie sag ich’s?“ und „Wie wird mein Gegenüber reagieren?“ Meiner Erfahrung nach kann mehr Klarheit entstehen, wenn ich mehr Energie auf die Frage richte: „Was möchte ich zum Ausdruck bringen?“ – das heißt, was sind meine Gefühle und Bedürfnisse? Was ist meine Botschaft? Also meine Aufmerksamkeit erst einmal auf den inneren Klärungsprozess lenke.

 UR: Kann ich Achtsame Kommunikation auch nutzen, wenn mein Gegenüber nicht damit vertraut ist und vielleicht eher konfrontativ kommuniziert? Wie könnte das aussehen?

MdB: Das ist die am häufigsten gestellte Frage in unseren Seminaren! Ja, selbst wenn mein Gegenüber noch nie etwas von Achtsamer Kommunikation gehört hat, habe ich selbst die Freiheit, mir eine Atempause zu gönnen und meine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Ich kann mich mit mir selbst verbinden und so zu mehr Klarheit und Authentizität finden, und das spiegelt sich in den Worten, die ich wähle, wieder. Und ich kann mich in der Stille mit meinem Gegenüber verbinden, indem ich ihre/seine Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren versuche.

Damit signalisiere ich auch unausgesprochen meine Bereitschaft „zu verstehen“, und das wird in unserem Kontakt mitschwingen. Das empathische Zuhören/Hinhören ist in der Gewaltfreien und auch der Achtsamen Kommunikation mindestens genauso wichtig wie das Aussprechen meiner Botschaft.

Thich Nhat Hanh hat einen wunderbaren Text geschrieben für die Anrufung des/der Bodhisattva Avalokiteshvara. Darin gibt es eine Stelle, die lautet: „Wir werden dasitzen und so aufmerksam zuhören, dass wir wirklichwahrnehmen können, was die andere Person sagt, und auch, was sie nicht sagt.“ Dieser Text ist immer wieder eine kraftvolle Erinnerung für mich.

In sehr schwierigen Auseinandersetzungen helfen mir auch immer wieder dieWorte Rumis: „Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort, an dem wir uns begegnen.“

UR: In Gruppendiskussionen oder Versammlungen fällt mir immer wieder auf, wie wenig wertschätzend wir oft miteinander kommunizieren. Es scheint, als wären unsere Gewohnheitsenergien, selbst wenn wir schon jahrelang praktizieren, eher in Richtung Kritik und Rechthabenwollen ausgebildet. Wie können wir die zarten Pflänzchen der Wertschätzung mehr zum Wachsen bringen? Wie unserer starken Neigung zur Rechthaberei begegnen?

SH: Ja, das kommt mir bekannt vor. Da sitze ich morgens erfüllt von Metta auf meinem Kissen und am Nachmittag in einer angespannten Besprechung und „meine liebende Güte“ scheint weit abgetaucht zu sein (bin eher erfüllt von „du meine Güte“). Aber eben auch nur abgetaucht durch ein paar Erinnerungsrufe taucht sie vielleicht wieder auf. Manchmal braucht es Mut und Kreativität, kleine Rituale in unsere Gesprächskultur zu integrieren, die uns daran erinnern, aus den Gewohnheitsenergien auszusteigen.

So kann es z. B. hilfreich sein, Versammlungen mit einer kurzen Stille zu beginnen und/oder einen inspirierenden Text zu lesen, um die Energie der gemeinsamen Ausrichtung spürbar werden zu lassen. In der Stille kann sich jede/jeder Einzelne erinnern, mit welcher Haltung er oder sie in diesem Meeting sein möchte. Es kann auch eine unterstützende Erfahrung sein, während der Zusammenkunft immer mal wieder eine Glocke der Achtsamkeit erklingen zu lassen, die uns zu einem kurzen Innehalten einlädt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn jede Zusammenkunft in den unterschiedlichsten Kontexten wie Schule, Büro, soziale Einrichtungen, Meditationskreis, Familie mit einer kurzen Metta-Meditation für mich selbst und alle im Raum Anwesenden beginnen würde. Bei dieser Vorstellung kommt viel Freude und Hoffnung in mir auf – und auch die Lust am Experimentieren!

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Teamsupervisionen mit einer Wertschätzungs/-Freudenrunde zu beginnen. Die Teammitglieder benennen konkrete Situationen, in denen für sie etwas gut gelaufen ist und welche ihrer Bedürfnisse sich dadurch erfüllt haben. Dies kann eine konkrete Möglichkeit sein, aus der Gewohnheitsenergie des Kritisierens und der Negativität auszusteigen.

Ein Beginn mit Wertschätzung und Freude hebt den Energiepegel im Raum meistens deutlich an und bereitet den Boden, angespannte Themen mit mehr Entspannung anzugehen.

MdB: Vielleicht können wir uns als spirituell Praktizierende in solchen Diskussionen oder Versammlungen zugestehen, dass auch wir wunde Punkte haben, dass Verletzungen sich in unser Speicherbewusstsein eingenistet haben (vielleicht schon über Generationen), dass wir noch mehr aus dem Ego heraus handeln, als uns lieb ist. Vielleicht sehen wir sie als Einladung, nicht nur Wortkosmetik zu betreiben, sondern uns tiefer auf das Praxisfeld der Achtsamen Kommunikation einzulassen und den Mut zu haben, unsere teils sehr negativen und zerstörerischen Gedankeninhalte anzuschauen und zu verwandeln.

Vielleicht trägt es zu Wohlwollen, Offenheit und Klarheit bei, wenn wir uns aufrichtig als Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen begegnen. In dem klaren Wissen, dass wir nicht vollständig identifiziert sind mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen, dass wir viel mehr sind! Aber hier und jetzt machen sie einen Teil von uns aus. Das zu sehen und mich damit zu zeigen erfordert Mut zur Verletzlichkeit.

UR: Was wären für euch Bausteine einer Kultur der Wertschätzung?

SH: In unseren Kursen beobachten wir, dass die Bedürfnisse nach Wertschätzung und Anerkennung zu den meist genannten zählen. Es scheint, dass so viele von uns zutiefst internalisiert haben: „Ich bin nicht gut genug.“ Diese Überzeugung kann großes Leiden hervorrufen, das sich oft in einem enormen Hunger nachWahr- und Angenommenwerden im eigenen So-Sein ausdrückt.

Wertschätzung haben viele von uns als Kinder (und heute noch als Erwachsene) vielleicht oft nur in Form von Beurteilung oder Lob erfahren – meist mit der Absicht, uns zu mehr Leistung, besserem Funktionieren zu bringen oder in eine bestimmte gewünschte Richtung zu „erziehen“. Diese Form der Wertschätzung führt nicht unbedingt zu mehr Selbstvertrauen, Authentizität und Verbundenheit, sondern eher in Richtung Konkurrenz, Abgrenzung, Ego-Aufbau und Vereinzelung.

Mir haben die Impulse von Rosenberg geholfen, aus einer neuen Perspektive auf Wertschätzung zu blicken. Wenn wir Wertschätzung brauchen, wollen wir vielleicht gar nicht jemanden, der uns sagt, wie toll wir sind oder wie schön wir etwas machen, sondern wir möchten in dem Moment eine klare Rückmeldung, ob das, was wir sagen oder tun, das Leben der anderen bereichert. Denn wir erleben oft tiefe Freude, wenn sich unsere Bedürfnisse nach Beitragen, Sinnhaftigkeit und Wirksamkeiterfüllen.

Es kann viel Klarheit und Verbindung entstehen, wenn wir unsere Wertschätzung präziser zum Ausdruck bringen. Wenn wir Wertschätzung nicht in „Du bist …“- Botschaften formulieren, sondern uns die Zeit nehmen, Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Wertschätzung von meinem Gegenüber empfangen wird und wirkliche Seelennahrung ist.

Wir hören auf, uns gegenseitig zu bewerten, steigen aus dem Spiel von Lob und Tadel aus und können einander so auf Augenhöhe begegnen.

Spannend ist auch die Frage, mit welcher Intention wir Wertschätzung geben? Haben wir den heimlichen Wunsch, dass die Person, der wir wertschätzend gegenübertreten, sich auch in Zukunft so positiv verhält? Oder möchten wir einfach im Hier und Jetzt unsere Freude und Dankbarkeit über das Erlebte teilen – ist es also mehr ein gemeinsames Feiern? Wertschätzung kann so zu einem Feld werden, in dem ich Absichtslosigkeit kultiviere.

MdB: Thich Nhat Hanh hat die Praxis des Blumengießens entwickelt, um die Energie der Wertschätzung und Dankbarkeit mehr in unseren Alltag zu integrieren. Das Format ist einfach und bietet viele Möglichkeiten zur kreativen Anpassung an den jeweiligen Kontext. Man sitzt zusammen als Paar, Familie, Team oder Meditationsgruppe, es steht eine Blume in der Mitte, und wer eine Wertschätzung zum Ausdruck bringen möchte, nimmt die Blume und beginnt zu sprechen.

Die Blume während des Sprechens in den Händen zu halten kann uns an die Schönheit und Einzigartigkeit erinnern, die wir in uns und anderen würdigen möchten. Steffi und ich haben mit der Praxis des „Blumengießens“ eine sehr lehrreiche und berührende Erfahrung gemacht.

Nach unserem zweijährigen Aufenthalt in Plum Village lebten wir gemeinsam mit Menschen mit geistiger Behinderung in einer Hausgemeinschaft. Jeden Samstag war unser Gemeinschaftsabend mit festlich gedecktem Tisch, Essen in Schweigen und anschließendem „Blumengießen“. Nachdem wir es beim ersten Mal erklärt hatten und die Blume dann in der Mitte stand, nahm einer unserer Mitbewohner die Blume und legte los: „Ich finde gut, dass ich Beate geholfen habe, in den Rollstuhl zu kommen. Ich bin stolz, dass ich diese Woche nur drei Tafeln Schokolade gegessen habe. Ich habe viel Musik gemacht.“

So begann er den Reigen mit ausführlicher Selbstwertschätzung, bevor er sich mit gleicher Großzügigkeit den anderen zuwandte. Für uns war es ein Aha-Erlebnis. Seine Worte waren so stimmig und natürlich, und es zeigte sich in diesem Moment sehr klar, dass Wertschätzung, die von Herzen kommt, in Selbstannahme und Selbstwertschätzung gründet. Und wenn ich mir selbst Wertschätzung schenken kann, fällt es mir auch immer leichter, Wertschätzung von anderen freudig zu empfangen.

Wir haben das „Blumengießen“ über mehrere Jahre in unserer Hausgemeinschaft praktiziert und dabei manchmal wahre Wunder erlebt, wie Menschen in dieser wohlwollenden Energie aufgeblüht und über sich selbst hinausgewachsen sind.

Ein bewusster Umgang mit Wertschätzung ist in unseren Augen einer der wichtigsten Bausteine, aus denen eine umfassende und authentische Kultur der Wertschätzung erwachsen kann. Den Geist immer wieder erneut ausrichten auf das Potenzial und die Fülle in mir und in dir, damit Dankbarkeit zu einer Kraftquelle werden kann.

 UR: Gibt es vielleicht vier oder fünf Dinge, an die zu erinnern in schwierigen Gesprächssituationen hilfreich sein kann?

SH: Ja, ganz kurz und knackig für den Notfall:

1 Mir eine Atempause nehmen, Zeit gewinnen, spüren.

2 Mich daran erinnern, dass es mir vorrangig umVerbindung geht.

3 Es mir wichtiger ist, meine Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, als dass sie jetzt Erfüllung finden.

4 Mir die Frage stellen: Will ich recht haben oder glücklich sein?

5 Mein Gegenüber als Mensch sehen, der auch nur glücklich sein will.

 UR: Was hat all dies mit buddhistischer Praxis zu tun?

MdB: Wir praktizieren, um mehr Verstehen, Liebe und Mitgefühl in uns zu entwickeln und die Illusion des Abgetrenntseins mehr und mehr aufzulösen. Und so unser Herz immer weiter für uns selbst und andere zu öffnen. Unsere Beziehungen mit der dazugehörigen Kommunikation bieten sich dafür als Entwicklungs-Schnellkochtopf an.

Rechte Rede ist ein Glied des Achtfachen Pfades, wahrhaftige, wohlwollende Kommunikation die vierte der fünf silas oder – wie Thich Nhat Hanh sie nennt – Achtsamkeitsübungen. So heißt es dort z. B.: „Im Wissen, dass Worte sowohl Glück als auch Leiden hervorrufen können, bin ich entschlossen, wahrhaftig zu sprechen und Worte zu gebrauchen, die Vertrauen, Freude und Hoffnung wecken …“

Sobald wir das Feld der Rechten Rede be-ackern, sind wir unweigerlich mit den anderen Gliedern des Achtfachen Pfades in Kontakt, vor allem mit Rechtem Denken, Rechter Anschauung und Rechter Bemühung. In der alltäglichen Kommunikation kommen wir oft schnell und unausweichlich mit unseren wunden Punkten und unserem alten Schmerz in Berührung.

Unsere Geistesformationen können uns auf diese Weise bewusster werden, sodass wir mit ihnen arbeiten können. Rechte Rede ist für mich ein sehr unmittelbares Feld der Geistesschulung und Transformation.In der absichtslosen Wertschätzung können dana – großzügiges Geben von Herzen – und mudita – Mitfreude/ Freude – in wunderbarer Weise zum Ausdruck kommen.

 UR: Wie kann ich beginnen?

MdB: Indem du den Stein des liebevollen, wertschätzenden Umgangs mit dir selbst ins Wasser wirfst. Dich um deine Selbstverurteilungen kümmerst. Deine Qualitäten erkennst und würdigst. Und von dort ganz natürlich die Kreise weiter werden lässt.;

 

 

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