Wertschätzung ist mehr als ein Sahnehäubchen

Der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) wurden in den vergangenen Monaten viele Probleme attestiert – systemische, strukturelle, personelle. Meines Erachtens lässt sich mittlerweile ein weiterer Bereich hinzufügen: Die DBU hat ein Imageproblem, und zwar weniger, was die Außenwahrnehmung als was die Wahrnehmung der Mitglieder selbst betrifft.

Während sich ein immer kleiner werdender Kreis von Menschen bemüht, die systemischen, strukturellen und personellen Probleme zu analysieren und nach Lösungen zu suchen, scheint die Mehrzahl der Mitgliedsgemeinschaften und Einzelmitglieder an alldem kaum oder gar nicht mehr interessiert zu sein. Vielen, mit denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe, ist der „Zustand“, ja sogar die Existenz oder Nichtexistenz der DBU ziemlich egal.

Die persönliche Praxis, die eigene Gemeinschaft oder das Zentrum floriert oder floriert auch nicht, gänzlich unabhängig von der Existenz einer DBU. Man hat sich ihr vor Jahren einmal angeschlossen, möglicherweise, weil man die Idee eines Zusammenschlusses buddhistischer Gruppen und Einzelmitglieder gut fand und auch bereit war, sich an der Umsetzung zu beteiligen, oder vielleicht auch nur, weil man sich von einer Mitgliedschaft Vorteile für die eigene Gemeinschaft versprach.

Doch wäre es viel zu kurz gegriffen, würde man diese Haltung als egoistisch kritisieren. Fakt ist, dass viele Menschen sich durchaus einmal engagiert, nach geeigneten Formen des Engagements gesucht haben oder voller Hoffnungen zu den Mitgliederversammlungen gefahren sind.

Aber sie haben dort vielfach die überaus frustrierende Erfahrung gemacht, dass Auseinandersetzungen in einer Weise geführt werden, die kaum an einen konstruktiven, inspirierenden Austausch von Menschen, die eine gemeinsame spirituelle Basis haben, denken lassen. Immer wieder hat es auf diesen Versammlungen Versuche gegeben, diese „klimatischen“ Bedingungen anzusprechen und zu verändern, aber sie verpufften meist recht schnell, die „Sachthemen“ schienen immer drängender, wichtiger, die Zeit zu knapp.

Was blieb, ist bei vielen der Eindruck, Versammlungen beizuwohnen, die zu wenig Raum geben für eine Wertschätzung des vorwiegend ehrenamtlichen Engagements, aber auch der Verschiedenheit unserer jeweiligen Wege, Sichtweisen oder persönlichen Ausdrucksformen.

Auf diesem Boden kann weder Vertrauen gut gedeihen noch Kreativität und Inspiration, die doch so nötig sind für eine Organisation, die immer auch einer tragenden Idee und Vision bedarf, warum es gut und wichtig ist, dass es sie gibt. Und dann resignieren selbst die Gutwilligsten irgendwann und kommen einfach nicht mehr. Das aber ist eine fatale Entwicklung:

Da driftet etwas immer weiter auseinander, was eigentlich zusammengehört und sich noch im Voneinanderentfernen bedingt. Immer weniger versuchen mittlerweile, einer Krise beizukommen, die von allen gleichermaßen verursacht worden ist: von denen, die weiterhin kommen, wie denen, die nicht mehr kommen.

Aber die Lösungsversuche zielen bisher vielfach darauf, Einsteins Verdikt „Man kann Probleme nicht auf der Ebene lösen, auf der sie entstanden sind“ zu widerlegen – und scheitern naturgemäß daran.

Weisheit und Mitgefühl, Nichtanhaften und die Einsicht in die Leerheit aller
Phänomene  – all das sind im Buddhismus hoch geschätzte, angestrebte Qualitäten. Doch wie bringen wir sie in unserem Miteinander zum Ausdruck? Was tun wir jahre- oder jahrzehntelang auf dem Meditationskissen, wenn sich das nicht in einer gelebten Kultur der Wertschätzung zeigt, in einer Wertschätzung auch für die Vielfalt der Meinungenund Positionen, einer Wertschätzung für die geleistete Arbeit usw.? Was ist buddhistische Praxis „wert“, wenn sie sich nicht auch in Herzlichkeit ausdrückt, in dem Bemühen, Verbundenheit lebendigwerden zu lassen und sie nicht nur als abstraktes Lippenbekenntnis vor sich herzutragen?

Ich glaube, es ist für die Existenz der DBU essenziell, dass uns alle eine solche Kultur mehr zum Herzensanliegen wird und wir uns bei unseren Zusammentreffen aktiv um sie bemühen. Wir sollten sie nicht unterschätzen als etwas atmosphärisch zwar Angenehmes, das wir aber sofort über Bord zu werfen bereit sind, wenn es um das Durchsetzen eigener Interessen geht oder darum, „zurückzuschießen“, sobald unsere „Knöpfe“ wieder einmal gedrückt werden.

Eine Kultur der Wertschätzung ist kein Luxus, auf den wir gut und gerne auch verzichten könnten. Sie ist kein Sahnehäubchen, das den Kaffee, das Eigentliche, bekömmlicher macht. Sie ist das, worum es geht.

Ein Hoffnungsstreif am Horizont war sicherlich die DBU-Tagung in Düsseldorf Ende Oktober, bei der das persönliche Kennenlernen und Austauschen im Vordergrund standen. Aufgrund dessen schien es dann möglich zu sein, auch unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen wertschätzend aufzunehmen und nebeneinander bestehen zu lassen und Vielfalt als bereichernd und inspirierend zu erleben. Das erscheint mir ganz wesentlich.

Denn solange sich unsere buddhistische Praxis nicht auch in unserem Umgang miteinander ausdrückt und das Beste in uns hervorbringt, wird der Kreis derer, die die systemischen, strukturellen, personellen Probleme der DBU angehen wollen, vermutlich immer kleiner, bis es eines Tages gar keine Probleme mehr zu analysieren gibt und man sich nur noch über die Formulierungen im Nachruf streiten kann. Und das wäre doch schade.

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