Es ist alles EIN Leben

Schwester Theresia Raberger leitet seit vielen Jahren die Tierschutzstelle an Hunde_01_300der Schweizer Stiftung Felsentor. Das Seminarprogramm am Felsentor umfasst vor allem buddhistische Retreats und Workshops. Schwester Theresia ist Franziskanerin und Zen-Priesterin. Wir sprechen über ihr Leben in Gemeinschaft mit den Tieren, die Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier und wie das Zusammensein mit Tieren (mindestens) so heilsam wie Meditation sein kann. Dabei sitzen wir zusammen mit den Ziegen Olga, Chiara, Joggeli und Nuria, der Hündin, auf einer Wiese mit Blick auf den Vierwaldstättersee.

Aus: BUDDHISMUSaktuell 1/15

Ursula Richard: Was bedeutet dir die Gemeinschaft mit Tieren?

Schwester Theresia: Für mich hat sich ein Traum erfüllt, hier mit Tieren leben zu können. Eigentlich kam das für mich als Franziskanerin und Ordensschwester gar nicht infrage. Doch viele günstige Umstände haben es ermöglicht. Ich habe Vanja Palmers im Meditationszentrum Puregg in Österreich kennengelernt. Er wollte in der Schweiz ein Zen-Zentrum gründen. Schon damals sprach er davon, dass dort auch Tiere sein sollten,
weil sie mit zur Gemeinschaft gehörten. Vanja Palmers ermöglichte mir, eine Tierschutzlehrerausbildung in Innsbruck und Graz zu machen.

Zu dieser Zeit ging ich einer sehr befriedigenden Arbeit mit Drogenabhängigen in Innsbruck nach. Nachdem ich zwei Herzinfarkte gehabt hatte, regte die Mutter Oberin
an, dass ich einmal etwas anderes machen sollte. Daraufhin wünschte ich mir sofort, beim Aufbau der Tierschutzstelle mitzuwirken.

UR: Woher kommen all die Tiere?

ST: Vanja Palmers hat immer gesagt, wir brauchen gar keine Tiere herholen, sie werden selbst anklopfen. Und so war es auch. Ich kam im September 2005 her und im Oktober 2005 kam das erste Tier zu uns, Francis, ein ausgesetzter Eber. Dann machten andere Tierschützer Vanja Palmers auf weitere schutzbedürftige Tiere aufmerksam. Einige kamen nach Beschlagnahmung zu uns.

Nandi, ein Ochse, riss aus dem Schlachthof aus. Die Schafe waren auch ein Tierschutzfall, denn Momo, eines von ihnen, war von Geburt an behindert. Einige Menschen machten sich dann Gedanken, warum es nur auf der Weide liegt und nicht gehen kann, und brachten es schließlich zu uns. Zwei andere kamen aus Rumänien hierher.

UR: Was lernst du aus der Gemeinschaft mit den Tieren?

ST: Tiere sind authentisch. Sie können sich nicht hinter Worten und Definitionen verstecken. Bis ein Mensch zu dieser Unverstelltheit findet, ist es ein langer Weg. Tiere sind immer im Augenblick, und sie spüren sofort, wenn ich gespalten und mit dem Kopf woanders als mit dem Körper bin. Das können sie nicht und nehmen sofort wahr, dass etwas schiefläuft.

Sie sehen das an unserer Körpersprache, wenn wir nicht eins sind. Sie selbst sind es immer und das ist wunderschön. Auch wenn es sich schwer beschreiben lässt, aber ich mache immer wieder die Erfahrung, wie die Anwesenheit der Tiere den Gästen
am Felsentor guttut. Manche kommen hierher und erhoffen sich, durch Meditation zur Ruhe und zu ihrer Mitte zu finden. Und dann passiert manchmal etwas völlig anderes: Alles, was bisher durch Verdrängung weggeschoben wurde, kommt hoch.

Manche halten es dann im Zendo gar nicht aus, weil Körper und Geist gleichermaßen wehtun. Dann sieht man sie plötzlich ruhig und entspannt bei den Schweinen sitzen, und sie spüren, dass da etwas heil ist.

UR: Und das, obwohl die Tiere selbst oft traumatisiert sind …

ST: Ja, aber hier haben sie so viel Freiheit wie möglich. So können sie sich wieder entfalten, wie sie wirklich sind. So entsteht eine Verbindung, die einfach guttut. Wenn man die Tiere ansieht, merkt man, dass sie nichts anderes wollen, als auf ihre Art glücklich und frei von Schmerzen zu sein.

Und der Mensch will nichts anderes. Vielleicht unterscheiden sich unsereSchweine_2 Glücksvorstellungen. Aber dass auch Tiere Glück suchen, frei
von Schmerzen und akzeptiert und zugehörig sein wollen, darin gibt es keinen Unterschied zum Menschen. Sie leiden genau wie wir, nur erzählen wir Menschen immer noch eine Geschichte dazu. Bei Tieren gibt es den Schmerz pur.

UR: Im Unterschied zu Tieren wissen wir um unsere Sterblichkeit. Oder wissen das Tiere auch?

ST: Nach meinen Erfahrungen hier habe ich den Eindruck, dass auch Tiere etwas vom Sterben und vom Tod spüren. Unsere kleine Schweinefamilie besteht aus Vater, Mutter und einigen Jungen. Vor zwei Jahren erkrankte ein Junges. Alle tierärztliche Hilfe nutzte nichts. An einem Morgen bemerkte ich an seiner Atmung, dass es nicht mehr lange leben würde. Es war ein sonniger Tag, und die anderen Schweine gingen hinauf in den Wald. Zehn Minuten bevor Gracia, das junge Schwein, starb, kam Claire, ihre Mutter, aus dem Wald zurück und legte sich neben sie, bis Gracia gestorben war.

Irgendetwas muss sie gespürt haben. Nuria, die Hündin, macht mich z. B. oft bei den
Hühnern auf etwas aufmerksam und geht winselnd um ein Huhn herum. Dann weiß ich, dass dieses Huhn wahrscheinlich am nächsten Tag nicht mehr leben wird. Natürlich haben sie keine Philosophie über die Endlichkeit.

UR: Wie befruchten sich die Gemeinschaft mit den Tieren und die Gemeinschaft mit den Menschen im Felsentor?Felsentor

ST: Es gibt eine starke Vernetzung mit den Kursgästen. Manche kommen nach ihrer Ankunft im Felsentor zuerst hierher und
fragen nach dem einen oder anderen Tier, ob es noch lebt oder Ähnliches. Viele Kursgäste besuchen uns in den Mittagspausen und halten sich gern hier auf. In einigen Fällen ist das Sein mit den Tieren offizieller Teil des Kursprogrammes. Es gab bereits zweimal einen Kurs von Martin Kalf, zu dem auch die Meditation mit den Tieren gehört. Meditation und Tiere gehören auf natürliche Weise zusammen und befruchten sich gegenseitig.

Manchmal haben wir Gäste, für die das neu ist und die nicht gleich verstehen, dass bei uns zwei verschiedene Paar Stiefel zusammenkommen. Aber auch ohne Erklärung sieht jeder, der meditiert, dass es zusammengehört und dass wir nicht da aufhören, wo die Grenzen unserer Haut sind.

UR: Bekommst du Rückmeldungen, ob sich das Verhältnis der Menschen, die für einen Kurs hierherkommen, zu Tieren nach ihrem Aufenthalt geändert hat? Entscheiden sich einige z. B., vegetarisch oder vegan zu leben?

ST: Das passiert häufig. Einmal kam eine Gruppe von jungen Volontärinnen, Lehrern und Medizinerinnen hierher, und später schrieben sie mir: Seit wir dem Anton in die Augen geschaut haben, haben wir unsere Essgewohnheiten geändert.

Ein anderes Mal gingen wir, die Schweine, Hunde, Ziegen und ich, den Wanderweg hinunter. Eine Gruppe von Wanderern kam uns entgegen, und wie es in der Schweiz üblich ist, grüßte uns eine Wanderin mit den Worten: „Grüezi miteinander!“ Als wir auf einer Höhe waren, sagte sie zu mir, eigentlich würde sie an sonsten Schweine nicht begrüßen, aber wir wären so eine Einheit.

Auch von dieser Gruppe erfuhr ich später, dass die Leute danach begannen, anders über Tiere zu denken und sie nicht mehr als Lebensmittel zu betrachten.

UR: Ist dieser Bewusstseinswandel dein Ziel?

Kuh_3ST: Ich freue mich sehr, wenn es passiert. Der Umgang mit Tieren, besonders in der Massentierhaltung und in der industriellen Landwirtschaft, ist so leidvoll. Das kann eigentlich nur aus einer riesigen Unbewusstheit heraus geschehen. Es kann nicht die Aufgabe des Menschen sein, so viel Grausamkeit und Leid in die Welt zu bringen. Dieses Leid wirkt zurück auf uns, und es zeigt, dass schon vor dem Handeln eine riesige Dunkelheit da sein muss. Menschen, die so handeln, ohne alles zu hinterfragen, können doch selbst gar nicht glücklich sein.

Menschen, die das industrielle Schlachten, die Tiertransporte, das Züchten, die Fleischberge hinnehmen, sind doch selbst gar nicht am Ort ihres Glücks. Kühe und Kälber werden getrennt, weil wir Menschen die einzigen Säugetiere sind, die nach Abschluss
ihres Wachstums weiter Milch und dazu von einer fremden Art trinken.

Wenn so etwas nicht bewusst wird, schadet das unserem Sein ganz stark. In der Begegnung mit den Tieren wird dies auf schöne Weise bewusst. Viele können sich die grausamen Bilder von Tierschützern gar nicht ansehen und machen den Vorhang zu. Aber wenn hier jemand Freundschaft schließen kann mit einem Schwein oder sieht, wie die Tiere gemeinsam auf der Weide stehen und die Grenzen ihrer Arten überwunden haben, dann geht ihm oder ihr ein Licht auf.

Tiere überlegen ja nicht so wie wir. Der Nandi z.B. schlägt auch schon einmal um sich, wenn ihm die Kälber zu nahe kommen. Wir wissen ja so wenig über die Tiere. nandiDer Nandi brach aus einem Schlachthof aus und fand Schutz in einer Kuhherde. Die Kühe schützten ihn. Als er dann hier ankam, war er nervlich am Ende. Er war in einem Container mit der Rigi-Bahn hier hochgebracht worden. Als wir ihn auf die Weide ließen, waren die Sömmerungskühe1 schon da. Wir hatten es so eingerichtet, dass er sie gleich sah. Er raste aus dem Container wie wild, und zuerst standen die Kühe ganz still. Dann kamen von beiden Seiten die ältesten Kühe und schleckten ihn ab. Sie behandelten ihn wie ein Kalb und verstanden genau, was er brauchte. So beruhigten sie ihn.

In unserer Tiergemeinschaft kann man sehen, dass Tiere soziale Beziehungen haben genauso wie wir Menschen. Manche fühlen sich zu bestimmten Tieren mehr hingezogen als zu anderen und kommen mit anderen weniger klar. Darauf wird in der normalen Haltung überhaupt keine Rücksicht genommen.

Einmal kamen hier Kühe eines Bauern zur Sömmerung an, und zufällig war auch eine Schulklasse hier, um die Tiere zu besuchen. Unter den Tieren war ein Kälbchen, das ohne Mutter gekommen war, weil die verkauft werden sollte. Es war so unruhig und lief immer wieder zum Ausgang, um zu gucken, ob die Mutter noch nachkam.

Die Kinder verstanden das und realisierten zum ersten Mal, was da geschah. Leider findet diese Realität täglich und stündlich statt. Die Tiere lehren uns ein größeres Bewusstsein, so wie es die Meditation auch tut. Unabhängig von der jeweiligen Meditationspraxis lösen sich durch Tiere die Begrenzungen auf. Sie veranschaulichen, dass alles EIN Leben ist.

UR: Seit wann praktizierst du Zen?

ST: Seit 1995. Ich bin ganz bewusst in ein Franziskanerkloster eingetreten. Der Gründer Franz von Assisi steht als Patron für die Tiere. Ich selbst kam offenbar schon mit einer engen Bindung an Tiere auf die Welt. Meine Großmutter erzählte mir später, mein erstes Wort sei nicht Mama oder Papa, sondern der Name unseres Hundes gewesen. Meine Freude an den TierenSchwein_4
war von Anfang an da. In unserem Kloster wurde alles, was im
franziskanischen Sinne wichtig ist, wunderbar umgesetzt. Jede
Schwester lebte ganz einfach und sah darin nicht den Mangel,
sondern die Fülle.

Wir Schwestern setzten uns mit aller Kraft für die Armen und Benachteiligten ein, ob in Afrika oder bei uns. Doch was mir fehlte, war diese Sichtweise, die Tiere mit einschließt. Man aß auch Fleisch, und ich hatte jahrelang das Gefühl, an eine Decke zu stoßen und nicht weiterzukommen.

Ich fragte einige Priester, wurde aber nicht verstanden. Damals fiel die Regel, dass wir Exerzitien nur im Kloster machen dürfen. Eine Schwester bot mir an, mich zu einem Zen-Einführungskurs mitzunehmen. Und schon beim ersten Sitzen erkannte ich, da geht mein roter Faden hin. Das war kein Bruch, sondern die Erkenntnis, im Zen ist diese Weite, dieses Universale, das der Franziskus auch gepredigt hat. Zen umfasst das Leben als eins.

Im Einführungskurs wurde Dogen zitiert, dass beim Sitzen alle Wesen, Tiere, Bäume usw. enthalten sind und mitsitzen. Die Gemeinschaft, die dadurch entsteht, ist keine des Tuns, sondern eine der Wahrnehmung. Nach dieser Erfahrung bin ich mit Begeisterung beim Zen geblieben.

UR: Später wurdest du sogar Zen-Priesterin!

ST: Im Shodoka (Lied des Erwachens) heißt es an einer Stelle: Wind, Regen, Schnee und Tau sind mein Kesa. Das heißt, es ist niemand da, der dies alles als Person trägt, sondern das ist eine Wirklichkeit. So kommt mir die Gemeinschaft mit den Tieren wie unter einem gemeinsamen Kesa vor. Eine innige Gemeinschaft. Für mich ist dieser Zugang viel wichtiger als Sutras, Texte und Formen. Die erfahrene Gemeinschaft ist wie ein Pfeil in die Mitte, um die es geht.

UR: Trägt dein Orden all dies mit?

ST: Ich hatte großes Glück. Ich hätte nach meiner Erkrankung eigentlich zurück gemusst. Die damalige Mutter Oberin meinte, eine weitere Erlaubnis könne sie nicht verantworten, und schrieb den Vatikan an. Der Vatikan schrieb, ich solle in die Klostergemeinschaft zurückkehren, denn hier bei den Tieren, außerhalb des Klosters sei kein Ort für Ordensleute.

Damals war ich nah daran zu gehen. Doch in diese Zeit fiel die Wahl der neuen Generaloberin, die alle zwölf Jahre gewählt wird. Sie kannte mich und meine Verbundenheit mit den Tieren schon lange. Sie informierte schließlich den Vatikan darüber, dass sie mir den Auftrag gegeben habe, hier mit den Tieren zu sein. Das
wurde akzeptiert.

UR: Kennen Tiere auch Gier und Hass?

ST: Bei den meisten Fütterungen kann man sagen, dass Gier da ist. Und es gibt Aggressionen zwischen ihnen. Aber Tiere können darüber nicht reflektieren. Sie leben auf reine Weise ihrer Art entsprechend. Mir kommt es so vor, dass dieses Dunkle fehlt, das mit bewussten Entscheidungen zu tun hat. Tiere können mit so wenig froh sein. Zum Beispiel Anton, eins unserer Schweine. Er schiebt das Gras ein wenig weg, legt sich in ein
Erdloch und lächelt in die Sonne. Er sieht dann so zufrieden schwesteraus wie der lachende Buddha. Man sieht, dass das für ihn Glück ist, einfach in Ruhe da sein zu können. Auch für uns Menschen
gibt es unscheinbare, uns glücklich machende Dinge.
Man muss sie nur nehmen und genießen, man braucht sie nicht zu kaufen. Wenn ich frühmorgens auf der Leiter von meiner Kammer herunterkomme und Nuria wedelt freundlich mit dem Schwanz, dann fühle ich mich so beschenkt. Im Zendo schließt sich der Kreis. Alle sind mit drinnen und sie wissen es irgendwie auch. Sie haben ein Wissen, das nicht vom Verstand geprägt ist. Wir kommen mit der Meditation auch an diesen Punkt, wo ein

anderes Wissen da ist. Und je tiefer wir vordringen, umso mehr kommen wir in eine Einheit mit allem, wo Begegnung in einer ganz zentrierten Art da ist. Manchmal geht
dieses Gefühl bei mir so weit, dass ich uns als einen Körper empfinde, z. B., wenn der Anton in seinem frisch gemachten Strohnest liegt. Dann spüre ich mit, dass es ihm gutgeht. Babuschka, ein blindes, taubes und gehbehindertes Schwein, liegt viel, und es tut ihm gut, wenn man es bürstet, damit der Kreislauf in Gang gebracht wird. Und dann entstehen Glücksmomente für beide Seiten.

Dann ist die Welt in Ordnung. Abends ist hier die Hauptarbeitszeit mit den Tieren, weil sie
alle hineingeführt werden müssen. Manchen kommt es komisch vor, dass ich als Zen-Priesterin oft bei der Abendmeditation fehle. Aber ich denke, ich bin sehr da und dabei. Die Begegnung mit den Tieren verringert die Gefahr, an den Formen hängen
zu bleiben. Dahinter leuchtet auf, was man Urgrund nennt.

Die Formen sind eigentlich dafür da, dies offensichtlicher zu machen, aber manchmal geht dabei der Schuss nach hinten los. Formen haben eine Wirkung ähnlich der Verhaltenstherapie: Sie verstärken das Gefühl, dass du etwas richtig machst, wenn
du sie richtig ausübst. Und alle orientieren sich an demjenigen, der es „richtig“ vormacht. Dabei geht es doch eigentlich um etwas anderes und nicht um richtig oder falsch.

Eine Besucherin, die öfter hierher kommt, hat mich sehr beindruckt. Sie hat eine physisch und psychisch schwerbehinderte Tochter. Die Tochter hat ein schweres Leben und ist von
ihren Emotionen so gebeutelt, dass sie oft Aggressionsschübe hat. Auf einer Zugfahrt bemerkte die Mutter, dass die Tochter sich verspannte und eine Aggressionsattacke nahte.

Sie erkannte, dass sie nichts dagegen tun konnte, und ergab sich der Situation. Sie verstand, dass sie nichts tun kann und muss. Durch dieses Sichfügen wurde auch ihre Tochter ruhiger. So ähnlich ist es auch mit den Tieren. Man braucht nur in die umliegenden Höfe zu schauen, um zu wissen, was heute alles legal ist. Und gleichzeitig wird hier alles ruhig und ein Erkennen möglich.

UR: Was wünschst du dir für die Zukunft?

ST: Wir dürfen nicht so viele Tiere aufnehmen, wie wir es gerne täten, denn es gibt Gesetze. Deshalb haben wir von jeder stark in der Landwirtschaft eingesetzten Tierart, die besonders leidet, nur einige, wie z. B. drei Ziegen oder sechs Schweinchen.

Abgesehen davon, dass es jedem Tier hier gutgehen soll, stehen sie also auch für die vielen anderen, die es nicht so gut getroffen haben, die millionenfach täglich in den Schlachthöfen gequält und getötet werden. Mein großer Wunsch ist, dass unser menschliches Bewusstsein sich weitet und auch für alle anderen Tiere ein Leben vor dem Tod möglich wird.

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WERTSCHÄTZUNG – leben wir, indem wir sie ausdrücken und bei uns selbst spüren

Seit vielen Jahren arbeiten Irmi Jeuther und Arne Schäfer unter anderem im Bereich des Coachings, der Organisationsberatung und der Teamunterstützung mit Führungskräften und ohne sie. Irmi Jeuther ist der tibetischbuddhistischen Tradition sehr verbunden, Arne Schäfer dem Zen-Buddhismus. Gründe genug für ein Gespräch über Wertschätzung.

aus: BUDDHISMUSaktuell 1/14

Ursula Richard: Wertschätzung gehört in der Sprache der Wirtschaft zu den sogenannten soft skills. Was kann man sich darunter vorstellen, bzw. wie ist das Verhältnis zu den hard facts oder hard skills zu sehen?

Irmi Jeuter: Soft skills sind all diejenigen Fähigkeiten, die mit menschlicher Kommunikation zu tun haben. Hard skills hingegen sind die fachlichen Kompetenzen. Meist wird angenommen, man könne sich auf einer rein sachlichen Ebene verständigen und gemeinsame Ziele erreichen, aber oft klappt das nicht. Dann entstehen Konflikte, es wird kaum noch miteinander geredet, die Kommunikation kommt zum Stillstand und die hard skills helfen nicht mehr weiter.

Ich habe Führungskräfteseminare erlebt, bei denen das Thema Wertschätzung stark diskutiert wurde. Bei einem Schwäbischen Automobilhersteller gab es z.B. den Leitspruch: „Nichts gesagt, ist Lob genug!“ Es zeigte sich aber, dass es ganz wesentlich ist, Wertschätzung auszudrücken, und zwar nicht allgemein, sondern durch konkretes Ansprechen dessen, was ich am anderen schätze. Nicht: „Du bist Klasse!“, sondern: „Es gefällt mir gut, wie du mit Kunden sprichst!“ – das kommt wirklich an. So erfährt der andere ein Feedback, das er einordnen und mit dem er gezielt weiterarbeiten
kann.

Oft fehlt Mitarbeitern diese konkrete Einschätzung ihrer Arbeit. Sie fühlen sich unsicher, tappen im Dunkeln, und erst im Konfliktfall stellt sich heraus, dass es so nicht weitergeht.
Diese Unsicherheit bremst die Menschen aus und sorgt dafür, dass sie ihre Arbeit ohne Freude tun. Führungskräfte wissen inzwischen theoretisch um die Bedeutung von Wertschätzung und betrachten sie als wichtiges Instrument, aber das bedeutet nicht, dass sie sie praktizieren.

Arne Schäfer: Meist wird wirtschaftlicher Erfolg am Erreichen von Umsatzzielen gemessen, rein monetären Kriterien. Sie gelten als die hard facts, auch wenn sie sich oft als unrealistisch erweisen und eher dem entsprechen, was man dem shareholder
(Anteilseigner) präsentieren möchte. Doch das beinhaltet noch keine tatsächliche Werthaltigkeit.

Generell finde ich die Orientierung an messbaren Kriterien gut. So ist z. B. der Beitrag des Vertriebs in einem Unternehmen am Umsatz messbar und verlangt eine bestimmte Kernkompetenz. Man sollte aber nicht nur darauf schauen, wie viel ein Mensch zum Umsatz beiträgt, sondern auch fragen, wie er das leisten kann. Und hier setzt unsere Arbeit an.

Wir rücken die soft skills in den Mittelpunkt und versuchen, den Kitt zwischen
den Menschen zu stärken. Wir fragen, was Menschen dazu bringt, gut miteinander und nicht nur nebeneinanderher zu arbeiten. Dabei spielt Wertschätzung eine wesentliche Rolle und zwar sowohl zwischen den Ebenen einer Hierarchie als auch auf einer gemeinsamen Arbeitsebene.

UR: Erfolgreiche Manager gelten im Allgemeinen als „harte Hunde“, denen ein Thema wie Wertschätzung nicht vorrangig am Herzen liegt …

AS: Es gab vor Kurzem in einer Zeitschrift einen Artikel, demzufolge typische Qualitäten von Managern im Grunde neurotische Qualität haben. Doch führen diese neurotischen Qualitäten zu Durchsetzungsvermögen, zum Entwickeln von Visionen und zu einer starken Fokussierung auf Ergebnisse, die sich durchaus als Führungsqualitäten beschreiben lassen.

Problematisch wird es dann, wenn eine Führungskraft die Verbindung zu ihren Mitarbeitern verliert. Dann werden wir angesprochen, um über ein Coaching herauszufinden, wie eine solche Führungskraft anders kommunizieren kann, um wieder in Kontakt mit den Mitarbeitern zu treten. An erster Stelle steht dabei, zunächst wieder in Kontakt mit sich selbst zu treten.

Dies ist ein zentraler Punkt beim Thema Wertschätzung: Ich kann anderen gegenüber nur dann authentisch und wertschätzend auftreten, wenn ich mir selbst wertschätzend begegne. IJ: Es lohnt sich nachzufragen, ob die angesprochenen neurotischen
Fähigkeiten von Managern wirklich zu nachhaltigem Erfolg führen. Ich bezweifle das. Manager können eine Zeitlang den Wert eines Unternehmens nach oben peitschen. Doch das bedeutet noch nicht Nachhaltigkeit.

In unserer Konsumgesellschaft wird bestimmten Tätigkeiten Wert beigemessen. Erfolg
misst sich an äußerem Wachstum. Zum wertvollen Leben gehört jedoch mehr: innere Erfüllung, Zufriedenheit und ein harmonisches Miteinander. Eine Angstkultur mag eine Zeit lang für äußeres Wachstum sorgen, inneres Wachstum ist so nicht möglich.

Wenn eine Führungskraft in der Lage ist, Wertschätzung auszudrücken, bringt sie damit ihre Gesamtperspektive gegenüber der Arbeit zum Ausdruck: Es zählt nicht nur, was
fehlt, sondern all das, was an Potenzial vorhanden ist. Mit einer Coaching-Klientin habe ich konkret daran gearbeitet, ihre Mitarbeiter nicht stereotyp zu beurteilen, sondern sich immer wieder zu fragen, was sie an der konkreten Person schätzt und was diese zum Unternehmen beiträgt.

UR: Aus meiner früheren beruflichen Praxis als Angestellte kenne ich den Zwiespalt beruflicher Wertschätzung: Alle sehnen sich danach. Doch Wertschätzung kann, wird sie
gegeben, die Bereitschaft zur Selbstausbeutung sehr stärken, oder sie kann bei Entzug zur inneren Kündigung führen. Müsste es nicht ein verführerisches Instrument für Führungskräfte sein, Wertschätzung in diesem Sinne effektiv einzusetzen?

IJ: Mitarbeiter merken sehr schnell, wenn Wertschätzung strategisch eingesetzt wird. Diese nicht authentische Praxis wird sofort bemerkt. Wertschätzung benötigt Aufrichtigkeit und miteinander geteilte Emotionalität. Vertrauen in unsere Fähigkeiten
lässt uns über uns hinauswachsen. Misstrauen lässt unsere Fähigkeiten versiegen. In einer hierarchischen Kultur brauchen wir immer jemanden, der uns mehr zutraut, damit wir uns entwickeln.

Dies bedarf der Wertschätzung. Fehlt sie, treten die üblichen Symptome auf: Mitarbeiter fehlen häufig, ziehen sich innerlich zurück, es wird langweilig und die Kreativität bleibt
auf der Strecke.

AS: Die Qualität der Wertschätzung besteht darin, dass sie authentisch verbindet. Seminare können die richtigen Impulse in diese Richtung setzen, aber entwickelt werden muss Wertschätzung im konkreten Miteinander. Da machen wir, wenn wir Klienten länger begleiten dürfen, immer wieder die sehr schöne Erfahrung, dass mit der Zeit eine neue Kultur wächst, die trägt.

Wertschätzung funktioniert nicht nur in eine Richtung. Auch von unten nach oben sollte es sie geben. Führungskräfte bedürfen ebenso der Wertschätzung durch ihre Mitarbeiter.
Das ist ein Geben und Nehmen. Seitens der Mitarbeiter herrscht oft eine Kultur des Meckerns gegenüber Führungskräften. Doch Führungskräfte übernehmen Verantwortung. Auch dies sollte geschätzt werden. Sie benötigen von ihren Mitarbeitern ein reifes Feedback.

IJ: Es fehlt auf beiden Seiten oft die Vorstellung davon, was der jeweils andere zu leisten hat. Mitarbeiter übersehen die Last des Gesamtüberblicks, die Führungskräfte schultern müssen. Dafür bedarf es der Empathie.

AS: Führungskräfte leiden oft unter der Last der alleinigen Verantwortung und darunter, sich nicht im Team solidarisieren zu können.

UR: Was ratet ihr Mitarbeitern eines Unternehmens, die sich nach mehr Wertschätzung sehnen und sie ihrer Meinung nach zu wenig bekommen?

AS: Für uns alle gilt meines Erachtens, dass wenn ich mir etwas wünsche, ich es selbst geben muss. Mein Motto ist: Beginne, Wertschätzung zu leben, indem du sie selbst ausdrückst und bei dir selbst spürst. Ich bin überzeugt, dass Wertschätzung auf
diesem Wege Teil des Miteinanders wird.

IJ: Ich kann niemanden zur Wertschätzung drängen, aber ich kann sie mir selbst und meiner Arbeit entgegenbringen. Ich kann meiner eigenen Routine entgegenwirken, und als erwachsener Mensch kann ich selbst die Qualität meiner Arbeit beurteilen. Darin bin ich autonom. Wichtig finde ich jedoch, dass Führungskräfte tatsächlich lernen, Wertschätzung zu üben und sie auszudrücken. Nachhaltige Erfolgskultur lässt sich ohne Wertschätzung nicht etablieren.

Wichtig ist für Mitarbeiter auch, bei einem Unternehmen zu arbeiten, auf das sie stolz
sein können. Eine positive Identifikation kann z. B. dadurch entstehen, dass das Unternehmen Verantwortung für die Kommune übernimmt und so seine Wertschätzung für den Ort, wo es ansässig ist, ausdrückt. Das ist Mitarbeitern durchaus wichtig. Darin drückt sich Verbundenheit aus.

UR: Wenn Wertschätzung so wichtig ist, warum tun wir uns dann so schwer, eine Kultur der Wertschätzung zu etablieren?

AS: Das hat sicher auch historische Gründe. Und wir lernen bereits in der Schule, bestimmten Vorgaben zu folgen und uns einer Autorität zu unterwerfen. Instanzen prägen unser Leben und üben Druck aus. Wir können nicht frei unseren Träumen folgen. Es herrscht die Angst, aus dem System herauszufallen, wenn man nicht folgt. Später im Beruf muss man sich anpassen können, um Teil von etwas sein zu können.

Ein Belohnungssystem sorgt dafür, dass wir glücklich sind, wenn wir Karriere machen, einen gewissen Status erreichen und uns bestimmte Dinge leisten können. Durch diese Erfahrung meinen wir, wir müssten immer erst etwas leisten, um Glück empfinden zu
können. Unsere durch Konditionierung allzeit bereite Leistungsbereitschaft tut ein Übriges.

Uns fehlt es auch oft an grundlegenden wertschätzenden Parametern, wie „Ich schenke
dir Aufmerksamkeit“, „Ich höre dir zu“, „Ich habe ein Interesse an dir“. Das wäre anders, wenn wir von Anfang an lernen würden, dass wir so, wie wir sind, geschätzt werden. Eine fehlende Wertschätzungskultur trifft hier auf persönliches Unvermögen.

Unsere Kultur vermittelt dies nicht und der Einzelne hat es nicht gelernt. Auch ein Konzept wie die Gewaltfreie Kommunikation braucht Zeit, die wir uns im Alltag oft nicht nehmen. Schnelle, auf Effizienz gerichtete top-down-Entscheidungswege sorgen dafür, dass viele Menschen Angst haben, aus dem System herauszufallen, wenn sie nicht mitmachen.

Die Häufigkeit der heutzutage gestellten Burn-out-Diagnose hat sicher auch damit zu tun, dass ein hinlänglich bekanntes Phänomen jetzt endlich benannt wird, nämlich dass von mir als Mensch immer nur der Teil gefragt ist, der funktioniert. Alles andere, was mich ausmacht, findet keinen Platz, und das wird schmerzhaft erlebt.

UR: Was beinhaltet der Begriff der Wertschätzung für euch?

AS: Er beinhaltet für mich Großzügigkeit, Geduld, Konzentration, aber auch Freude. Wertschätzung ist nicht nur ein Tun, kein Management-Tool, das ich mir zusätzlich aneignen sollte, sondern auch ein Gefühl, das Kontakt und Verbundenheit herstellt,
sodass ich Freude empfinden kann am Miteinander.

UR: Warum tun wir uns dann selbst in buddhistischen Kontexten mit der Wertschätzung oft so schwer, wo doch die Entwicklung all der von dir genannten Qualitäten Teil der Praxis ist?

AS: Auf dem buddhistischen Weg treffen wir Menschen mit den gleichen Konditionierungen wie vorher beschrieben. Aber wir können hier einen gemeinsamen Schmerz erleben über die fehlende Wertschätzung in und zwischen uns; wir treffen auf Gleichgesinnte. Wenn wir darüber hinaus eine gemeinsame Organisation betreiben, treffen wir auf die gleichen Probleme, wie andere Organisationen sie auch haben. Deshalb sind m. E. buddhistische Organisationen auch nicht per se besser. Ich verknüpfe nur die Hoffnung damit, dass sich Menschen in ihnen zusammenfinden, die bereit sind, gemeinsam zu lernen und diesem Prozess Raum zu geben.

Auch ich persönlich erlebe immer wieder: In meiner buddhistischen Praxis übe ich Wertschätzung, doch im praktischen Umgang mit mir und anderen schaffe ich es nicht immer, diese Wertschätzung zu leben. Erst wenn es mir gelingt, mich mit all meinen Qualitäten so zu akzeptieren, wie ich bin, kann ich dies auch in der Zusammenarbeit mit anderen praktizieren.

Werte kann ich nur generieren, wenn ich meinen eigenen Wert erfahren habe und mich als lernendes Wesen im Austausch mit anderen begreife.

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Unity in Duality – Eine Lebensschulung für Menschen unserer Zeit

aus: BUDDHISMUSaktuell 1/14

Tarab Tulku Rinpoche hat ein Trainings- und Studienprogramm entwickelt – Unity in Duality –, das buddhistische Philosophie und Psychologie auf lebenspraktische
Weise vermittelt und in dessen Zentrum die Lehren der wechselseitigen Abhängigkeit alles Existierenden steht.

Die Dänin Lene Handberg hat mit ihm jahrzehntelang eng zusammengearbeitet und führt seine Arbeit nach seinem Tod 2004 erfolgreich weiter. Im November 2013 traf ich sie zu einem Gespräch.

„Alles steht mit allem in wechselseitiger Beziehung und nichts existiert aus sich selbst heraus.“ Diese zunächst so abstrakt scheinende Aussage über die wechselseitig abhängige Natur alles Existierenden hat sehr weitreichende, lebenspraktische Konsequenzen.

Tarab Tulku Rinpoche hat diese Beziehung Zeit seines Lebens, zunächst in Tibet und später im Westen, erforscht, ihre Essenz aus der „Inneren Wissenschaft von Bewusstsein und Wirklichkeit“, wie sie traditionell in den Sutras und Tantras gelehrt wird, herauskristallisiert, um sie den Menschen heute in Ost und West zugänglich zu machen.

Zwar sind diese Lehren vor allem auf buddhistischem Mutterboden gewachsen, doch beinhalten sie universell wirksame Prinzipien und sind da-her für Menschen jedweder religiösen oder spirituellen Orientierung relevant und an-wendbar.

„Wir können so viel von dieser alten Inneren Wissenschaftstradition lernen, um unser menschliches Potenzial zur vollen Blüte zu bringen“, erklärt Lene Handberg in einem Gespräch. „Es geht nicht nur darum, etwas über diese wechselseitige Bezogenheit in Erfahrung zu bringen, um dieses Wissen dafür zu nutzen, die Natur zu beherrschen und immer komplexere Werkzeuge und Technologien zu entwickeln, wie wir das heute tun, sondern um die Verfeinerung einer inneren Ethik und der persönlichen, interpersonellen und spirituellen Entwicklung.“

Tarab Tulku zufolge gilt es insbesondere drei Gegensatzpaare zu unterscheiden, die jeweils eine polare Einheit bilden: Subjekt – Objekt, Körper – Bewusstsein, Energie bzw. Potenzialität – Materie. „Wenn man diese Bereiche erforscht und erkennt, wie alles existiert, kann man erkennen, welch große Möglichkeiten man hat, die eigenen Erfahrungsweisen zu verändern.

Wir selbst kreieren die Realität, die uns dann als äußere, unabhängige erscheint und unter der wir oftmals leiden. Durchschauen wir das, werden wir nicht mehr so sehr unter den selbsterschaffenen Gespenstern leiden müssen und es eröffnet sich uns ein Zugang
zu unserem eigenen kreativen schöpferischen Potenzial.“

Tarab Tulku Rinpoche sah mit großem Interesse, dass viele der oben genannten wechselseitigen Bezüge von der westlichen Wissenschaft erforscht werden, dass wir uns aber schwer tun, dieses Wissen auf einer persönlichen Ebene zu implementieren, ebenso wie im zwischenmenschlichen Bereich, zwischen Nationen, Religionen oder Mensch und Natur.

Das von Tarab Tulku Rinpoche in Zusammenarbeit mit Lene Handberg entwickelte Trainings- und Studienprogramm „Unity in Duality“ (UD), das in mehreren Modulen und über mehrere Jahre hinweg dieses Wissen anwendungsbezogen vermittelt, läuft nunmehr seit über zehn Jahren mit Erfolg in einigen europäischen Ländern sowie in Indien in der von Rinpoche gegründeten Tarab Ling Association.

Es war Tarab Tulkus großes Anliegen, dass dieses Wissen, dessen Quellen ja in Indien liegen, wieder zurück in dieses Land fließt. Eine große Unterstützung ist für Lene Handberg dabei Professor Samdhong Rinpoche, mit dem sie im November 2013 für mehrere Veranstaltungen nach Deutschland gekommen ist. Er ist ein weltweit anerkannter und geschätzter buddhistischer Gelehrter, enger Vertrauter des Dalai Lama und war 10 Jahre lang Premierminister der tibetischen Exilregierung (bis 2011). (Ein
Interview mit ihm wird in der nächsten BA erscheinen.)

Sie selbst sagt von ihm: „Professor Samdhong Rinpoche war ein sehr guter Freund von Tarab Rinpoche, und er wusste, wie wertvoll dessen Arbeit ist, und so unterstützt er unsere Arbeit sehr. Er ist im Vorstand der Tarab Ling Association und ihres Akademischen Rates.“

Teilnehmende an diesen Programmen, die aus den unterschiedlichsten Berufen kommen, schätzen vor allem, wie Lene Handberg sagt, „welch unbeschreiblich detaillierte
Landkarte‘ Tarab Tulku mit UD zur Verfügung gestellt hat. Sie zeigt uns, wie wir an der
Entfaltung unserer persönlichen wie auch unserer kulturellen Wirklichkeit teilhaben,
sodass wir uns dann freundlicher und liebevoller auf uns und andere beziehen können.

Sofern wir spirituell praktizieren, erhalten wir eine ebenso ausgearbeitete Karte auch für die spirituelle Transformation von Körper- Geist und Wirklichkeit, was uns sehr hilft, uns nicht zu verirren und unsere Zeit nicht zu verschwenden.“ Eine Lebensschulung, die nicht im Theoretischen steckenbleibt, aber auch ein klares intellektuelles Verständnis als Voraussetzung für transformative Prozesse als notwendig erachtet.

Unser Gespräch führen wir in einem kleinen Hotelzimmer in Berlin-Kreuzberg am Ende eines langen Workshop-Tages mit Samdhong Rinpoche. Lene Handberg wirkt dennoch frisch und lebendig, kein bisschen angestrengt oder gestresst. Ich frage sie zum Abschluss, was ihre Vision der Welt von morgen sei.

„Meine Vision ist, dass wir miteinander in Harmonie leben, dass wir unsere menschliche Intelligenz, unsere Ressourcen konstruktiv statt destruktiv nutzen, indem wir zum Beispiel unser menschliches Potenzial in Schönheit, Freude, Gleichheit und Liebe so-wie in Harmonie mit der Natur entfalten.

Wenn wir dabei mit uns selbst beginnen und modernes und altes Wissen gleichermaßen nutzen, um Einsicht und Weisheit zu erlangen, dann, so bin ich sicher, können wir das schaffen.“

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Die SUCHE nach der EINHEIT

Die US-Amerikanerin Dorothy Iannone vereinigt in ihrem Werk Malerei, Bilderzählung, Collage, autobiografisches Schreiben und Filme. Ihre Kunst entzieht sich jeder einfachen Zuschreibung, ist weder buddhistisch noch feministisch zu nennen. Durchdrungen ist diese Kunst aber von der lebenslangen tiefen Sehnsucht nach Einheit der im tibetischen Buddhismus beheimateten Künstlerin.

aus: BUDDHISMUSaktuell 2/14

„Was ist diese Süße außerhalb der Zeit?“, will ich von ihr wissen. „Ich meine damit etwas,
was in gewisser Weise vollkommen und vollständig, das absolut ist; es kann nicht beschmutzt oder geschmälert werden, es ist einfach jenseits von allem.“

Nach dieser Süße hat Dorothy Iannone, wie es scheint, ihr Leben lang gesucht, ebenso danach, sie konkret auszudrücken – im Leben, in der körperlichen Liebe, in ihrer Kunst und in ihrer Spiritualität. Ihr Thema ist die ekstatische Liebe, die sie in oft großformatigen, ornamentalen Gemälden, Bilderzählungen, Texten, Büchern und Filmen
feiert. Doch auch wenn ihr Werk, in dem sich nicht zuletzt auch eine selbstbewusste weibliche Sexualität artikuliert, von manchen als pornografisch (miss)verstanden wurde
und in Ausstellungen bis in die 90-Jahre hinein einige Mal die Genitalien überklebt werden mussten, ist es eher als Ausdruck einer lebenslangen spirituellen Reise zu deuten, die ihr Ziel in der unio mystica, der Erfahrung der Einheit, findet.

Mit 25 Jahren heiratet sie den Maler James Upham und beginnt ebenfalls zu malen, zunächst im Stil des abstrakten Expressionismus dieser Zeit. Zusammen mit Upham bereist sie die Welt, lebt zeitweise in Südfrankreich und Japan. In Reykjavík trifft sie 1967
den Schweizer Dichter, Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth. Eine zutiefst leidenschaftliche, auch künstlerisch sehr produktive Beziehung beginnt, in deren Verlauf er zu ihrer „männlichen Muse“ wird und ihr Hunderte von Briefen schreibt, während sie in
ihren Bildern das Hohe Lied der Liebe singt.

Beide pflegen intensive Kontakte zu den Fluxus-Künstlern Daniel Spoerri, Robert Filliou und Emmett Williams, deren Credo: „Kunst ist Leben, Leben ist Kunst“ dem entspricht, was Ianonne und Roth leben und kreieren. Später distanziert sie sich aber von dieser Bewegung mit den Worten „I am she who is not Fluxus“. Nach ihrer Trennung (1974) bleibt sie mit Roth bis zu dessen Tod (1998) befreundet.

Posthum schreibt sie ihm einen Brief, aus dem ihr tiefer Wunsch nach Einheitserleben im erotischen wie spirituellen Bereich als Motor ihres Lebens und Schaffens sehr deutlich wird.

Vermisse Meine Muse (1)
Nachdem wir uns getrennt hatten, fand ich eine andere Muse und dann eine andere und eine andere. Allmählich verstand ich, dass es der Drang nach ekstatischer Einheit war, der mich inspirierte. Als mich Erfahrungen dann lehrten, dass in erotischer Einheit keine dauerhafte Einheit gefunden werden kann, verlor ich doch etwas von meinem Lebensmut.

Meine Bemühungen, ihn wiederzugewinnen, führten mich in der Fortsetzung meines Weges paradoxerweise dazu, Einheit in mir selbst zu suchen. Eines Tages alleine in Stille dasitzend, fand ich in einem Augenblick vollkommenen Gewahrseins die letztendliche Einheit, nach der ich immer gesucht hatte, ohne dass ich um ihre wahre Natur gewusst hätte. Außerdem konnte ich sie mit nichts vergleichen, was ich jemals gelesen oder gehört oder mir hatte vorstellen können …

Doch es stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach war, Inspirationen aus diesem Moment des Moments, dem Geschmack absoluter Wirklichkeit zu ziehen. Da war keine Muse, die ich körperlich umarmen konnte, die mir, und sei es noch so flüchtig, das Gefühl der Vollständigkeit gab und bei der ich weiterhin meine alten, konditionierten geistigen Gewohnheiten hätte anwenden können – Gewohnheiten, die mich in der Vergangenheit, so schien es mir, davon abgehalten hatten, die wahre Natur meines Geistes zu erkennen.

Nun wurde mit klar, dass ich neue geistige  ((es fehlt eine Seite Text))
schwer voneinander zu trennen. Ich kann vielleicht sagen, dass meine Dharma-Erfahrung
mich befähigt hat, mir des kreativen Prozesses bewusster zu sein, zu merken, wie mein Geist während meiner Arbeit leer von Gedanken und vollkommen entspannt ist und die
‚Antworten‘ irgendwie eine nach der anderen auftauchen. Manchmal finden sich in meinen Arbeiten auch Figuren, die vom tibetischen Buddhismus inspiriert sind – zum Beispiel Milarepa oder Tara. Oft integriere ich auch Texte in meine Bilder, in meiner eigenen speziellen Sprache geschrieben, die von den buddhistischen Lehren inspiriert sind.

Besonders in diesen Texten tauchen Wege auf, meine Subjektivität und den Dharma
zusammenzubringen. Meine Arbeiten haben stets meine spirituelle Reise wiedergespiegelt
und zur gleichen Zeit haben sie diesen Weg erhellt.“Weniger nachhaltig vielleicht als der tibetische Buddhismus hat Jahre zuvor auch das japanische Zen die Künstlerin geprägt.

Beim Rundgang durch ihre Wohnung sehe ich an einer Wand eine Reihe von Collagen aus handgeschöpftem japanischem Papier mit halb abstrakten Blumenarrangements, die sie 1962, als sie für ein halbes Jahr in Kyoto lebte, geschaffen hat. Der Zen-Haltung, mit der sie in Japan persönlich Bekanntschaft schließen konnte, nachdem sie ihr zuvor in den Werken von R. H. Blyth begegnet war, hat sie sich sehr verwandt gefühlt.

Nie hat sie formale Zen-Meditation geübt, doch vielleicht, so sagt sie, drückt sich in ihren
Collagen ihre eigene Form der Zen-Meditation aus. Der Kunstwissenschaftler Michael Glasmeier spricht in „Sprachen der Liebe“, seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog (2), von einem „nomadischen Bildkosmos unterschiedlichster Einflussbereiche“, der nicht zuletzt durch die vielen Reisen der Künstlerin Eingang in ihr Werk gefunden hat, in dem aber auch der „katholisch-abendländische konstant präsent bleibt … selbst wenn die ethnologischen und buddhistischen Bild- und Symbolsprachen in ihrem Werk zunahmen und nach dem Beginn ihres Studiums des tibetischen Buddhismus 1985 zu dominieren scheinen.“

Gemeinsam ist den Zugriffen Iannones auf diese unterschiedlichen Welten sicherlich ihr Wunsch, eine spirituelle Sehnsucht zu bebildern oder zu versprachlichen, die in den mystischen Richtungen aller Traditionen Heimat finden kann.

Am Ende ihres Interviews fragt Noa Jones Dorothy Iannone nach ihren Gedanken zu Tod und Sterben. Die Künstlerin sagt: „Ich hoffe, dass ich mich im Augenblick des Todes an den Meister erinnern werde. Mir ist bewusst geworden, dass in einer gefährlichen Situation bei Alarmstufe Rot mein erster Gedanke stets meinem Meister gilt. Meine abendlichen Gebete enden immer mit dem Wunsch, lang genug zu leben, um mein Leben, meine Arbeit und den Dharma zusammenzubringen, und dass alles, was ich tue, zum Wohle aller Wesen ist.

Was das Sterben betrifft, hoffe ich, dass ich imstande sein werde, es gut zu tun, in welcher Form es auch immer zu mir kommen wird. Ich weiß, dass die Vollendung eines Kunstwerks stets ein großartiges Gefühl ist. Wir werden es sehen.“ (3)

Noch aber ist Dorothy Iannone äußerst wach und lebendig, noch ist das Gesamtkunstwerk
Dorothy Iannone nicht vollendet. Es ist zutiefst inspirierend in seiner Lebendigkeit, Farbigkeit und Süße.
(1) Dieter Roth/Dorothy Iannone, Dieter and Dorothy, Bilgerverlag 2002 (Übers. UR)
(2) Michael Glasmeier, „Sprachen der Liebe“ in: Dorothy Iannone, This Sweetness Outside of Time, Gemälde, Objekte, Bücher und Filme 1959-2014, Kerber Verlag, 2014
(3) Noa Jones, „This Buddhist Life, Interview with Dorothy Iannone, Tricycle, Spring 2013 (Übers. UR)

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Uns in unserem Menschsein erkennen

Den lebendigen, manchmal auch bedrängenden Spuren des Vergangenen in uns Raum zu geben und sie (gemeinsam) zu betrachten kann ein machtvoller Prozess der Heilung und Transformation sein. Dieser Prozess eröffnet uns die Chance, uns in unserem Menschsein
zutiefst zu erkennen, man könnte auch sagen, uns als Buddhas zu sehen.

aus: BUDDHISMUSaktuell 2/14

„Ich habe erst kürzlich erfahren, dass ich Verwandte im Holocaust verloren habe, und ich schätze, ich habe noch viel damit zu tun, weiß aber gar nicht so genau, was“, sagt die junge Frau am Ende ihres „way seeking mind talk“ im kalifornischen Zen-Kloster Tassajara während der dreimonatigen Herbst-Übungszeit 2013.

Zuvor hat sie von ihren langjährigen Drogen- und Alkoholerfahrungen erzählt sowie von ihrer Scham, überhaupt zu leben, und ihren vielen Ängsten. All das hat sie schließlich hier
an diesen Ort geführt, an dem sie hofft, ihr auseinandergebrochenes Leben wieder zusammenzufügen.

Genau wie ich ist sie eine von denen, die an diesem Ort zum ersten Mal an einer solchen Übungszeit teilnehmen und deswegen einen Vortrag über ihren Weg zu halten haben.

Vom Holocaust, von Auschwitz, dem persönlichen Verlust von Familienangehörigen haben vor ihr bereits drei andere Menschen gesprochen, Jüdinnen und Juden, die das Glück hatten, dass ihre Eltern oder Großeltern Europa rechtzeitig verlassen und der Vernichtung entgehen konnten. Doch diese Vergangenheit ist auch in ihnen noch immer gegenwärtig, hat wesentlich dazu beigetragen, dass sie nun hier sind und Zen praktizieren.

Die Spuren der Scham, Deutsche zu sein
Ich mag diese junge Frau sehr; sie hat etwas sehr Eigenes, trägt, wenn wir nicht in Roben herumlaufen, für diesen Ort recht modische, leicht extravagante, farbenfrohe Kleidung. Gerade ihre Worte lassen mich die Spuren jener Scham wiederentdecken, die ich jahrelang wegen meines Deutschseins empfunden habe, vor allem, wenn ich mich im Ausland als Deutsche zu erkennen geben musste.

In den Boden wäre ich am liebsten versunken, als mir ein Inder vor vielen Jahren in Kalkutta „German good – Hitler great man“ zurief, während neben mir eine Gruppe junger Israelis saß. Auf Demos stimmte ich gern in den Chor derer ein, die „Nie wieder Deutschland, nie wieder Faschismus“ skandierten. Doch als ich während des Studiums
bei einem Fackelzug anlässlich der Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende mit der starken Gewissheit mitmarschierte, auf der richtigen Seite zu sein, spürte ich im flackernden Lichtschein doch auch, wie dünn und brüchig letztlich das Eis war, das mich von den Menschen trennte, die einige Jahrzehnte zuvor auf Fackelmärschen durch die Städte gezogen waren und Nazi-Parolen geschrien hatten.

In der Folge empfand ich zunehmend große Dankbarkeit dafür, nicht in jener Zeit gelebt zu haben, die so viele Möglichkeiten geboten hatte, der eigenen Feigheit, Verzagtheit, Intoleranz, Brutalität und dem eigenen Sadismus zu begegnen und sie auszuleben.

Das Vergangene will ans Licht gelangen
Hier an diesem Ort in den Bergen Kaliforniens erlebe ich bei den Worten der jungen Frau am Ende ihres Vortrags, wie auch das Eis schmilzt, das mich vielleicht immer noch von den Opfern getrennt hat. Und ich spüre die starke Gewissheit, wie wertvoll es ist, dass die Vergangenheit noch so lebendig in uns ist, so leidvoll und sogar traumatisch das im Einzelnen auch sein mag. Denn dieses Vergangene ist zu groß und zu monströs, als dass es vergessen, bewältigt oder überwunden werden könnte.

Es will erinnert werden, ans Licht gelangen. Bei diesem Prozess der Erinnerung können wir einander helfen, indem wir uns unsere Geschichten erzählen, uns füreinander öffnen, uns vorbehaltlos zuhören.

Ein kraftvoller Prozess der Heilung und Transformation
Während des Retreats mit Thich Nhat Hanh im EIAB in Waldbröl 2013 beginnt eine Frau beim nachmittäglichen Zusammensein unserer „Dharma-Familie“, von ihrem Großvater zu sprechen, der als Pharmakologe dem berüchtigten Lagerarzt im KZ Auschwitz Josef Mengele „zugearbeitet“ hatte, und wie gerade dieser Ort hier in Waldbröl das Thema plötzlich für sie wieder sehr lebendig hat werden lassen. Die Frau neben ihr erzählt von
ihrem Vater, der ganz ähnlich aktiv gewesen war – und plötzlich sind wir in dieser Gruppe alle in dieses weite Feld eingetaucht, betrachten die Spuren des Vergangenen in uns, fassen sie in Worte oder in Tränen oder in Schweigen.

Dieses Feld umfasst die Spuren des Leids, der Gewalt, der Trauer, der Scham, der Verzweiflung, aber ebenso auch die Spuren der Lebensfreude, der Kraft, der Liebe und des Mitgefühls. Sie befreien können wir, so meine Erfahrung, nur gemeinsam. Und das ist ein machtvoller Prozess der Heilung und Transformation.

Wenige Monate später bin ich bei einer Veranstaltung der Stiftung Überbrücken in Berlin. Sie leistet Friedensarbeit durch bewusste Öffnung für verschwiegene und verdrängte Erfahrungen mit Gewalt. „Ausgangspunkt war unsere Arbeit mit traumatisierten Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien“, sagte die Vorsitzende Bosiljka Schedlich, die ich drei Jahre vorher bei einem buddhistischen Retreat kennengelernt hatte. „Es kamen aber immer wieder Deutsche zu uns, die uns helfen wollten. Doch wir haben gesehen, auch sie sind vielfach traumatisiert. Auch sie brauchen im Grunde Hilfe, und das hat
unsere Perspektive erweitert.“

An diesem Nachmittag stellt Kathleen Battke ihr Buch Trümmerkindheit – Erinnerungsarbeit und biografisches Schreiben für Kriegskinder und Kriegsenkel
vor und spricht in sehr berührender Weise über ihre Mutter. Das öffnet Türen zu vielen inneren Räumen und ein sehr persönlicher Austausch entwickelt sich. An der Wand lehnt eine Frau, vielleicht 60 Jahre alt. Sie lächelt, als Bosiljka Schedlich sie als die Frau vorstellt, die heute für unser leibliches Wohl sorgt. „Wie durch ein Wunder hat sie das Massaker von Srebrenica überlebt, stand nur einen Meter von ihrem potenziellen Mörder entfernt. Sie kam zu uns, traumatisiert, wollte aber kein Opfer mehr sein. Und nun bietet sie uns das an, was sie so gut kann – kochen.“

Beim Essen nach der Lesung stehen wir plötzlich zusammen und ich sehe, dass ihre Hände zittern. Ihre Augen scheinen zugleich zu lächeln und zu weinen. Sie haben wohl alles gesehen, was Menschen einander antun können. Ich verabschiede mich von ihr, wir sehen uns lange an und umarmen uns. Und ich denke: Nur darum geht’s. Nur darum – um Liebe.

Uns in unserem Menschsein erkennen
In Tassajara, dem Zen-Kloster, hätte ich es nie gewagt, meine Gedanken über den Wert vergangener Spuren in uns im Anschluss an den Vortrag der jungen Frau zu äußern, da ich das Gefühl habe, angesichts ihrer leidvollen Geschichte stehe mir das nicht zu. Ich spreche darüber dann zwei Wochen später in meinem Vortrag, in dem ich auch von meine persönlichen Geschichte als Tochter von Eltern erzähle, die ihre Kindheit und Jugend während der Nazi- und Kriegszeit verbringen mussten, aus Familien stammend, die zwar gegen die Nazis waren (weil: zu katholisch die eine, zu sozialdemokratisch die andere), aber auch keinen aktiven Widerstand geleistet haben.

Bei meinen Vorbereitungen darauf kommt mir auf einmal die Frage in den Sinn, wie sehr ich die diesbezüglichen Erfahrungen und das Leid meiner Eltern bisher wirklich
nah an mich habe herangelassen, und ich denke: „Vielleicht habe ich damit ja noch viel mehr zu tun, als ich bisher immer dachte.“ Während des Vortrags spüre ich, wie sehr ich mich innerlich immer wieder an die junge Frau wende und ihr mit meinen Worten Mut machen will.

Da es in diesen Vorträgen aber vor allem darum gehen soll, den anderen davon zu berichten, was uns auf den Weg und damit letztlich auch nach Tassajara gebracht hat,
erzähle ich unter anderem auch von Ängsten und Panikattacken, die mich jahrelang geplagt und letztlich sehr zu meiner Begegnung mit dem Buddhismus beigetragen
haben.

Einen Tag später kommt die junge Frau zu mir, dankt mir für meine Worte und umarmt mich. Ich denke, ihr hat gefallen, dass ich ihr Thema mit dem Holocaust aufgegriffen habe. Zu meiner Verblüffung sagt sie: „Du hast über deine Ängste, deine Panik gesprochen, da habe ich mich so von dir verstanden gefühlt.“ Auch wir haben, so scheint es mir, das große Glück gehabt, uns in unserer gemeinsamen Zeit in unserem Menschsein erkennen zu können. Darum geht’s, denke ich. Nur darum.

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Die Tsoknyi-Nangchen-Nonnen – Diese Frauen verkörpern einen unglaublichen Reichtum an Liebe …

Diese Frauen verkörpern einen unglaublichen Reichtum an Liebe, Mitgefühl und buddhistische Weisheit in seiner weiblichen Form. Dies erachte ich als sehr kostbar. Sollte das Licht dieser Tradition von der Erde verschwinden, werden auch die Wärme und der Segen der lebendigen Tradition dieser Frauen, deren Zeugen wir sind, für immer verschwunden sein. Selbst wenn uns ihre Texte erhalten bleiben.
Drubwang Tsoknyi Rinpoche

aus: BUDDHISMUSaktuell 4/14

In der abgeschiedenen Weite der Berge von Nangchen in Osttibet existiert eine einzigartige spirituelle Linie. Gelebt, bewahrt und weitergeführt wird sie von über 2 000 Nonnen und Yoginis unter sehr schwierigen physischen, materiellen und klimatischen Bedingungen. Viele dieser Frauen haben mittlerweile Jahrzehnte in strenger spiritueller Klausur verbracht.

Die Nonnen von Nangchen werden in ganz Tibet auch von großen buddhistischen Meisterinnen und Meistern für ihre tiefgründige Yogi-Praxis und Meditation geschätzt.
Diese Nonnen sind Teil einer lebendigen Tradition. „Tsoknyi Rinpoche I, ein Meditationsmeister des 19. Jahrhunderts, war ein Yogi und sah die Fähigkeiten der Frauen“, so Drubwang Tsoknyi Rinpoche, der dritte in dieser Linie, bei einem Gespräch im April dieses Jahres. Nonnen erhielten damals nicht die gleiche Bildung und konnten nicht die gleiche Praxis ausüben wie Mönche, denn Männer hatten Vorrang. Deshalb kümmerte er sich um bessere Lebensbedingungen für diese Nonnen. Aus dem Mutterkloster kamen
später mehr als 3 000 Nonnen.

Tsoknyi Rinpoche I war davon überzeugt, dass Frauen, die sich für ein monastisches Leben entscheiden, zu außergewöhnlichen spirituell Praktizierenden heranreifen könnten – vorausgesetzt, man ermöglichte ihnen ähnlich optimale Rahmenbedingungen, wie sie für Mönche in der Regel gegeben waren. Welch eine Vision in einer Zeit und einem Land, in dem Frauen im Allgemeinen und Nonnen im Besonderen nicht viel galten!

Damals bestand der allgemeine Konsens, das Beste, was einer Frau passieren könne, sei,
so viele Verdienste anzusammeln, dass sie als Mann wiedergeboren werde. Bis heute gibt
es im tibetischen Buddhismus keine volle Nonnenordination, und erst allmählich entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, wie wertvoll und unabdingbar der Beitrag von Frauen zum gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Leben ist, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich in diesen Bereichen frei zu entfalten.

Die Vision des ersten Tsoknyi Rinpoche trägt bis in unsere Zeit. Die Tsoknyi-Nangchen-Nonnen, ihre weibliche Übertragungslinie und ihre der spirituellen Entfaltung gewidmete Lebensweise sind heute ein weltweit einzigartiges Phänomen. Dass es diese Linie überhaupt noch gibt, grenzt fast an ein Wunder. Denn während der Kulturrevolution der sechziger Jahre wurden die 40 Klöster, in denen um die 4 000 Nonnen praktizierten, fast komplett zerstört. Viele Frauen verloren ihr Leben, die Überlebenden ihre gesamte Existenzgrundlage. Sie mussten in ihre Familien zurückkehren oder anderweitig für ihren Lebensunterhalt sorgen, einige wenige flüchteten in die Berge und lebten fortan in Höhlen. Die Tradition drohte auszusterben.

In den Achtzigerjahren aber kamen viele dieser Frauen zurück. Sie begannen, ihre Klöster mit den einfachsten Mitteln und ohne Maschinen oder technische Gerätschaften wieder aufzubauen und zu beleben. Gegenwärtig sind es 26 Klöster. Unter extrem schwierigen physischen Bedingungen sind die Nonnen bis heute darum bemüht, ihr spirituelles Erbe an die nächste Generation weiterzugeben.

Ich möchte, dass diese Tradition nicht abreißt. Es ist eine weibliche Tradition der Erleuchtung, die gepflegt werden muss, wenn sie nicht verschwinden soll. Ich möchte dabei helfen, wo immer ich kann. Es ist für mich keine Pflicht, der ich nachkommen muss. Sie bewahren ihre Tradition und wir versuchen, sie zu dabei zu unterstützen. (D.T.R.)

Die unbefestigte Straße wird von Tibetern in Festtagskleidung gesäumt. Sie halten Katas
in den Händen, die traditionellen Begrüßungsschals. Freudige Erwartung liegt in der Luft.
Schließlich türmen sich am Horizont Staubwolken auf, die langsam näher kommen. Es
sind die Jeeps einer Pilgergruppe amerikanischer Schülerinnen, die mit Drubwang Tsoknyi Rinpoche, dem dritten seiner Linie, auf dem Weg in die Berge von Nangchen sind. Begleitet wird die Gruppe von der Filmemacherin Victress Hitchcock, die über diese Reise und die Begegnung mit den hier lebenden Nonnen und Yoginis den berührenden Film „Blessings“ dreht.

Den letzten Teil des Weges wird die Gruppe auf Pferden zurücklegen müssen, da die Klöster abseits jeder befahrbaren Straße hoch oben in den Bergen liegen. In einer Filmsequenz sieht man Tsoknyi Rinpoche ausgelassen mit seinen westlichen Schülerinnen scherzen, in einer anderen den Wartenden am Straßenrand Segen erteilen; später wird er auf einem Thron vor den Nonnen in einem der Klöster sitzen und auf traditionelle Weise Belehrungen geben. So vollkommen verschieden scheinen die Welten. Sieht Tsoknyi Rinpoche sich eher als Wanderer zwischen diesen Welten oder als Brücke? Wie erlebt er die wechselnden Rollen, die er einnehmen muss?

Ich bin eine Brücke. Ich lebe in beiden Welten. Und ich fühle mich gut dabei. Ich
habe meinen eigenen Lebensstil entwickelt und mich selbst in beiden Welten gefunden.
Ich lebe nicht mehr wie ein Westler oder wie ein Tibeter, ich lebe auf meine eigene Art.
Ich glaube, das ist das Gesündeste für mich. Ich habe keine kulturellen Probleme
damit, beides zu verbinden. Die buddhistischen Lehren erlauben mir, mich in diesem
Lebensstil zurechtzufinden, denn ihre Grundsätze sind in Ost und West prinzipiell
die gleichen und können der jeweiligen Lebenswelt angepasst werden. So lebe ich. Ich
kann sehr traditionell, aber auch sehr modern sein. Das liegt in meiner Hand. (D.T.R.)

Mehr als 2 000 Nonnen der Tsoknyi-Linie praktizieren heute in den 26 Klöstern in Nangchen. Das intensive Studiensystem der Klöster umfasst eine drei- oder neunjährige Klausur. Zahlreiche Nonnen haben sich sogar für eine lebenslange Klausur und ein lebenslanges Schweigegelübde entschieden. Viele von ihnen sind Meisterinnen komplexer Yogi-Meditationspraktiken. Diese gehören zu den ältesten Schätzen der weiblichen tibetischen Weisheitslinien.

Diese Frauen leben Tausende Kilometer entfernt von uns, doch durch Medien wie
Film oder Fotografie können sie uns sehr nahe kommen. Man sieht sie im Film in
Würde, Kraft und Schönheit ihrer Arbeit nachgehen, Rituale vollziehen, in „festlichem
Ornat“ die traditionellen Instrumente spielen, singen, beten, meditieren, den Belehrungen
Tsoknyi Rinpoches lauschen, lachen, sich freuen, neugierig und offen den körperlich
viel größeren Westlerinnen begegnen und nach Möglichkeiten der nicht sprachlichen
Verständigung suchen und diese auch finden. Und gleichzeitig zeigt „Blessings“ eine Welt
und ein Leben, die nicht weiter von unseren hiesigen Erfahrungsräumen entfernt sein
könnten.

Eine der Amerikanerinnen fragt sich vor der Kamera angesichts der bedingungslosen
Hingabe dieser Nonnen, ihrer tiefen Religiosität inmitten äußerster Kargheit, ob wir im Westen überhaupt das Gleiche praktizierten wie diese Frauen, wo viele von uns „ihre Praxis“ in einen immer volleren Alltag stopfen, an unserem Lebensstil aber nur selten rütteln wollen. Kann man da überhaupt noch irgendetwas vergleichen, auch wenn in beiden Fällen der Buddha der Referenzpunkt ist?

Mich erinnern die Filmaufnahmen oder auch die hier in Buddhismus aktuell abgedruckten
Porträts an den Film „Die große Stille“ von Philip Gröning, der ebenfalls Bilder einer tiefen Religiosität zeigt: das Leben von Karthäuser-Mönchen, die sich einem weitgehenden
Schweigegelübde und einem strengen Regelwerk verpflichtet haben. Auch wenn die Nonnen von Nangchen viel fröhlicher wirken und weit mehr Lebenslust ausstrahlen als die christlichen Mönche, ist ihre Hingabe an die religiöse Praxis nicht geringer und ihr
Tagesablauf nicht weniger herausfordernd.

Der typische Klausurtag einer Nonne in Nangchen beginnt gegen 3:30 Uhr mit einer dreistündigen Meditationssitzung. Insgesamt vier davon stehen auf dem Tagesplan. In der Nacht meditieren und schlafen die Nonnen sitzend und praktizieren die traditionelle Praxis des Traumyoga. Diese Lebensweise, die so vollständig der spirituellen Verwirklichung gewidmet ist, hat wenig gemeinsam mit der täglichen halbstündigen Meditation oder dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch des „normalen“ buddhistisch oder christlich Praktizierenden.

Die wenigsten von uns könnten sich wohl vorstellen, so zu leben, doch bildet diese Lebensweise oft genug eine Projektionsfläche für unserer Sehnsüchte nach einem „authentischen religiösen“ Leben. Oder aber sie erscheint uns vollkommen exotisch und fremd. Aber vielleicht gibt es auch noch andere Berührungspunkte, als wir gemeinhin annehmen?

Und so wollen die Fotos der Nonnen von Nangchen auf diesen Seiten dazu einladen,
diesen Frauen zu begegnen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Letztlich sind wir
nicht getrennt voneinander, sondern bedingen einander. Wie heißt es doch so klar und
einfach als Beschreibung des Abhängigen Entstehens: Dies ist, weil jenes ist. Jenes ist,
weil dieses ist.

Drubwang Tsoknyi Rinpoche ist mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, aber natürlich
tief vertraut mit der tibetischen Kultur. Wie erlebt er diese beiden Welten? An welchen
Stellen treffen sie sich seiner Meinung nach?

Die Essenz der Religiosität ist überall die gleiche. Es gibt religiöse Elemente, die kulturell verankert sind und andere, die universal sind. Eine Kultur ergibt nur Sinn für die in ihr Lebenden. Doch unsere grundlegenden Rituale sind nicht so stark kulturell gebunden. Sie können, zum Beispiel im Westen, kulturell angepasst werden. Der Kern bleibt Teil des Dharma und somit allen menschlichen Wesen zugänglich.

Wir drücken uns als Menschen, die wir unter unterschiedlichen Bedingungen leben, unterschiedlich aus. Das moderne Leben unterscheidet sich vom alten, traditionellen tibetischen Leben. Doch auf der tieferen, grundlegenden Ebene erleben wir alle Freude und Schmerz. Unsere grundlegenden Bedürfnisse sind ebenfalls gleich. Daher empfinde ich zwischen diesen beiden Welten keine grundsätzlichen Unterschiede. Mag diese oder jene Farbe für diesen oder jenen Glauben stehen, grundsätzlich sind wir alle gleich.

Aber natürlich kann sich das Menschsein auf vielerlei Weise ausdrücken. Es gibt sowohl in der östlichen wie in der westlichen Kultur positive wie negative Aspekte. Ich versuche, das Gute aus beiden Kulturen auf neue Weise zusammenzuführen.

Ich versuche, moderne Bildung mit den Traditionen der Nonnen zusammenzubringen.
Sie leben ihre Tradition, verfügen jedoch nicht über moderne Bildung. Es mangelt z. B. an Hygiene. Die moderne Zivilisation erreicht inzwischen auch abgelegene Gegenden, und sie müssen sich damit arrangieren. Sie verfügen über ausgeprägte eigene Werte und innere Qualitäten, sie praktizieren tiefes Mitgefühl und tiefe Liebe, doch sie sind nie in eine Schule gegangen. Deshalb versuche ich, sowohl die normale Schulbildung als auch die Tsoknyi-Tradition bei ihnen zu etablieren.

In meiner eigenen Lehre versuche ich die Tsoknyi-Tradition mit den Lehren der Tradition der Nonnen zu verbinden und sie in die moderne Welt zu integrieren. Dabei werfe ich Überflüssiges, das heute nicht mehr zu gebrauchen ist, über Bord und bewahre das, was für unser heutiges, modernes Leben noch nützlich sein kann. Dazu gehört das grundsätzliche Gute des Nonnenlebens.

Sherab Zangmo verkörperte die Einfachheit, Ausdauer und spirituelle Kraft der älteren Generation der Nonnen der Tsoknyi-Linie. Mit zehn Jahren wurde sie ins Kloster gegeben. Sie erlebte Winter auf über 4 200 Metern Höhe bei niedrigsten Temperaturen mit nur begrenzten oder gar keinen Heizmöglichkeiten.

Tag für Tag musste sie Kanister mit Flusswasser über lange und vereiste Pfade tragen. Später, zur Zeit der Kulturrevolution, musste sie schmerzlich miterleben, wie mehr als 40 Klöster, die mehr als 4 000 Nonnen eine Heimat geboten hatten, innerhalb weniger Wochen zerstört wurden. Der Verfolgung der chinesischen Soldaten entkam sie, indem sie sich in entlegenen Höhlen versteckte. Jahre später baute sie gemeinsam mit anderen Überlebenden einen Großteil der Klöster wieder auf.

Heute beherbergen sie rund 2 000 Nonnen. Während Sherab Zangmos äußere Welt durch Gewalt und Elend zusammenbrach, lebte sie eine reiche und tiefe Praxis von Mitgefühl, Gleichmut und Liebe und erlangte tiefe Verwirklichung. Inmitten der harten Bedingungen ermutigte sie auch andere Frauen dazu, unbeirrt von großer Armut und Entbehrungen
zu lesen, zu studieren und zu praktizieren. Sherab Zangmo gilt als eine der am höchsten verwirklichten Praktizierenden von ganz Nangchen.

Mehr als 20 Jahre verbrachte sie in Klausur, ehe sie die neue Generation von Yoginis
unterrichtete, durch ihre Persönlichkeit ermutigte und immer wieder inspirierte. Sie starb 2008.

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Es ist heute nötig, gegen den Strom zu schwimmen

Professor Samdhong Rinpoche ist ein weltweit hochgeachteter Gelehrter des tibetischen Buddhismus. Darüber hinaus war er auf politischer Ebene sehr aktiv und zehn Jahre lang Premierminister der tibetischen Exilregierung. Er gilt als enger Vertrauter des Dalai Lama. Im November 2013 hielt er sich einige Tage in Deutschland auf, um Vorträge zu halten und Seminare zu geben. In Berlin entstand das folgende Interview.

aus: BUDDHISMUSaktuell 2/14

Ursula Richard: Professor Samdhong Rinpoche, Ihr Vortrag hatte den Titel: „Kann buddhistisches Wissen helfen, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen?“ Was sind Ihres Erachtens denn die besonderen Herausforderungen unserer Zeit?

Prof. Samdhong Rinpoche: Eine besondere Herausforderung besteht in der Kommerzialisierung von Gewalt. Um die Gewalt herum hat sich ein eigener Markt, eine eigene Industrie etabliert. Diese kommerzialisierte Gewalt benötigt keinen Grund mehr, um auszubrechen, und sie findet auch kein Ende. Sie ist zu einem kontinuierlichen Prozess geworden. So entstehen offiziell erklärte wie unerklärte Kriege, gewaltsame Konflikte ethnischer und nationaler Art. All dies gehört zu den größten Herausforderungen, denen wir uns heute ausgesetzt sehen.

Die zweite große Herausforderung ist die wachsende ökonomische Ungleichheit zwischen besitzenden und besitzlosen Menschen bzw. die wachsende Ausbeutung der Besitzlosen durch die Besitzenden. Die dritte Herausforderung ist die durch die Industrialisierung forcierte Herabsetzung der Natur zu einer verwertbaren Ressource.

So ist das Ökosystem zerstört worden. Eine Folge ist der Klimawandel, dessen furchtbare Folgen wir zuletzt auf den Philippinen studieren konnten. Eine vierte große Herausforderung besteht in den kulturellen Konflikten, die weltweit durch religiöse Einflüsse verstärkt werden.

Diesen Herausforderungen kann entweder mit dem Geist der Verbundenheit oder mit einem an Sieg und Niederlage orientierten Wettbewerbsgeist begegnet werden.
Ein Geist, der die wechselseitige Abhängigkeit in Konflikten beachtet, versucht, Liebe an die Stelle von Hass zu setzen. Buddhistisches Wissen kann hier helfen und als Heilmittel wirken.

UR: An welche speziellen Aspekte buddhistischen Wissens denken Sie dabei genau?

SR: Ich denke dabei an das zentrale buddhistische Konzept der Verbundenheit, das unser Gegenüber stets als gleichwertig respektiert. Dieses Wissen beinhaltet die Erfahrung, dass, wann immer wir jemand anders direkt oder indirekt demütigen, wir uns selbst demütigen. So gesehen delegitimiert sich Gewalt von selbst. Dazu kommt, dass die derzeitige Weltordnung dafür sorgt, dass Waffen jeglicher Art in jedem Konflikt verfügbar sind. Es gibt keine Begrenzung mehr von Waffen eines bestimmten Typs für bestimmte Konflikte.

Martin Luther King sagte einmal, heutzutage haben wir nicht mehr die Wahl zwischen Gewalt und Nichtgewalt, sondern nur noch zwischen Nichtgewalt und Auslöschung unserer Existenz. Sowohl nukleare als auch Waffen anderer Art sind heute in einem Maße verbreitet, dass wir den gesamten Planeten mehrere Male zerstören könnten.

UR: In Ihrem Vortrag haben Sie die Notwendigkeit erwähnt, gegen den Strom zu schwimmen oder „auszusteigen“. Was meinen Sie damit?

SR: „Aussteigen“ bedeutet, nicht mehr dieser Logik von Gewalt und Gegengewalt zu folgen. Es bedeutet, Gerechtigkeit ohne gewaltsame Revolutionen oder gewaltsamen Widerstand zu erstreiten und zwar durch respektvollen Ungehorsam. Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir selbst zu einer gewaltvollen Konfliktpartei.

UR: „Schwimmen gegen den Strom“ und „Aussteigen“ bedeuten also, nicht an Gewalt teilzunehmen. Glauben Sie, dass dies mitten in der Gesellschaft möglich ist oder müssen wir dafür aus der Gesellschaft insgesamt „aussteigen“?

SR: Nein, wir müssen dafür nicht die Gesellschaft verlassen. Es ist eine Art Widerstand. Revolutionen verändern die Gesellschaft von Grund auf. Doch selbst wenn wir dazu nicht in der Lage sind, können wir doch aus der zerstörerischen Logik aussteigen, indem wir uns verweigern und kein Teil mehr von ihr sind. Wir können dies, indem wir ein Leben auf der Basis unserer Bedürfnisse und nicht auf der Basis von Gier führen.

UR: Aber was bedeutet „Schwimmen gegen den Strom“ in diesem Zusammenhang?

SR: „Schwimmen gegen den Strom“ bedeutet, gegen das derzeitige System zu revoltieren. Es bedeutet, aktiv, aber gewaltfrei gegen das System zu handeln. Gewalt löst kein einziges Problem, es nährt Probleme.

UR: Auf welchen buddhistischen Werten könnten Revolutionen basieren?

SR: Dazu zählen das Ziel, allen Menschen Wohlergehen zu sichern, die Ausbreitung eines global zerstörerischen Lebensstils zu verhindern und die Kultur des ständigen von Gier getriebenen Vergleichs und Wettbewerbs zu stoppen. Die Menschheit ist zu einem globalen Konsumenten geworden. Dinge werden kaum noch benutzt, sondern nur noch konsumiert. Unsere Bedürfnisse werden heute fast vollständig von den Warenproduzenten bestimmt. Sie unterliegen kaum noch unseren eigenen Antrieben und Definitionen. Globalität hat Lokalität vollständig verdrängt. Wir sollten aber bedürfnisorientiert, lokal verortet, ökologisch und gewaltlos leben. Diese buddhistisch basierten Werte stehen indirekter Opposition zum derzeitigen globalen System.

UR: Der Dalai Lama spricht oft über die Notwendigkeit einer säkularen Ethik, die nicht auf einer einzigen Religion beruhen dürfe. Was meinen Sie dazu?

SR: Jede Religion formuliert eine Ethik. Doch jede schließt damit auch die Vorstellungen anderer Religionen aus. Auf diese Weise entsteht keine Harmonie. Es entstehen sogar Trennungen und Konflikte daraus. Deshalb spricht der Dalai Lama davon, dass eine globale Ethik über die Ethiken der einzelnen Religionen hinausgehen müsse. Außerdem gehören viele Menschen überall in der Welt heute gar keiner Religion an.

Auch die Nichtgläubigen benötigen ethische Prinzipien, um angemessen in einer Gesellschaft zu leben. Diese vom Dalai Lama propagierte säkulare Ethik muss daher universal anwendbar sein. Der Bedarf an solch universal gültigen Prinzipien ist
sehr groß.

UR: Westliche Ansätze, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, finden sich in den Wissenschaften, den Natur- und den Geisteswissenschaften wie Psychologie und Philosophie. Wie beurteilen Sie das Verhältnis dieser Ansätze zum buddhistischen Wissen?

SR: Das wissenschaftliche Wissen von heute verfehlt weitgehend die Herausforderungen unserer Zeit. So taten vor zwanzig, dreißig Jahren Wissenschaftler die bekannt werdenden Fakten über die Umweltzerstörung damit ab, man werde eine wissenschaftliche Lösung dafür finden.

Heute sehen wir, das ist nicht geschehen. Wir müssen leider feststellen, dass wissenschaftliche und technologische Fortschritte nicht dazu beigetragen haben, die
Umweltprobleme zu lösen und den Umgang des Menschen mit der Natur zu verändern. Die globale Klimaerwärmung und der ressourcenzerstörende Umgang des Menschen konnten wissenschaftlich basiert nicht gestoppt werden.

Auch gewaltsame Konflikte konnten mithilfe von Wissenschaft und Technik nicht gelöst werden. Technologie selbst ist zum Auslöser von Gewalt und ihrer Verbreitung geworden. Wissenschaft und Technik werden den Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht.

Psychologie ist ein recht neuer und meines Erachtens begrenzter Ansatz, bei dem das Gehirn als Zentrum des Denkens und Fühlens in den Mittelpunkt gerückt wird. Doch die westliche Psychologie übersieht dabei den Geist bzw. trennt ihn vom Gehirn.

Buddhistische Psychologie verfolgt das Ziel, das Wirken des Geistes zu erklären. Selbst wenn das Gehirn eines Menschen geschädigt ist, kann er doch seinen Geist und sein Bewusstsein benutzen. Buddhistische Psychologen haben das Phänomen der Todesmeditation näher untersucht und herausgefunden, dass bei Verstorbenen, deren Körper unangetastet blieb, mitunter zwei, drei Wochen nach dem physiologisch festgestellten Tod plötzlich Gehirnaktivitäten nachweisbar waren. Während das die westliche Medizin in ihrem Versuch, den Tod eines Menschen genau zu definieren, vor unlösbare Aufgabe stellt, sieht die buddhistische Psychologie dies als Aktivität des Geistes.

UR: Im Mittelpunkt Ihres Wirkens als Lehrer steht das Konzept des tendrel. Was beinhaltet es?

SR: Es beinhaltet die Verbundenheit und gegenseitige Anhängigkeit aller Erscheinungen. Diese Aspekte müssen analysiert und verstanden werden. Erstens ist es dafür notwendig, die gegenseitige Abhängigkeit von Subjekt und Objekt zu verstehen. Sie findet ihren Ausdruck z. B. im Zusammenwirken von Geist und Körper oder von Ursache und Wirkung. Auch die Einheit von Raum und Zeit zeigt uns, dass nichts allein, sondern nur im Zusammenhang mit anderen Faktoren bestehen kann.

Diese allen Dingen inhärente Natur des Zusammenwirkens mit allem anderen ist die Quelle jeglicher Kreativität. Das Verstehen dieses Zusammenhangs führt zu Fortschritt und persönlicher Entwicklung. Was ich als Lehrer zu vermitteln versuche, ist die Abhängigkeit jedes Lebewesens von anderen Lebewesen und unser aller Abhängigkeit von
den Lebensmitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Sobald ein einziges Lebewesen gedemütigt wird, werden auch alle anderen gedemütigt und die Folge dieses Handelns fällt auf einen selbst zurück. Jedes Lebewesen sucht nach
Glück und Frieden. Kein einziges sucht nach Leid und Schmerz. Daher sind wir alle gleich in unserem Bestreben, aber auch in unserer Verantwortung. Ich und die Welt lassen sich nicht voneinander trennen.

UR: Kann man sagen, dass das Bewusstsein der Verbundenheit die angemessenste Antwort auf die Leiden unserer Zeit ist?

SR: Ja, wenn wir im Geist der Verbundenheit handeln und Demütigungen anderer verhindern, erwirken wir automatisch Heilung. Das bedeutet, unser Geist wird von einem kompetitiven in einen kooperierenden Geist transformiert. Kooperation führt zu Konstruktivität. Konstruktiv können alle Herausforderungen angenommen werden.

UR: Sie sind ein weltweit anerkannter Lehrer und Philosoph. In der Vergangenheit hatten Sie einflussreiche Positionen in der Politik und im religiösen Leben inne. Sie sind ein enger Vertrauter des Dalai Lama. Zehn Jahre lang waren Sie Premierminister der tibetischen Exilregierung. Wie half Ihnen Ihr spirituelles Wissen, den Herausforderungen von Politik und Religion zu begegnen?

SR: Ich denke, wenn jemand ernsthaft die Absicht verfolgt, für eine gute Politik zu sorgen, braucht er einen spirituellen Hintergrund. Ansonsten ist man ein bloßes Werkzeug anderer, die ihr Spiel spielen. Gandhi war eine herausragende Persönlichkeit und ein ebenso herausragender Politiker. Ihm hat Indien seine Unabhängigkeit und postkoloniale Entwicklung zu verdanken. Sein Erfolg war darin begründet, dass er ein Mensch mit Überzeugungen war und nicht nur mit politischen Absichten. Und diese Überzeugung bestand darin, Gerechtigkeit für die ganze Menschheit als notwendig zu erachten.

Politik ist ein Testfeld für die persönlichen Qualitäten eines Menschen. Wenn jemand Politik als Dienst an der Nation bzw. an der eigenen Bevölkerung versteht, wird er richtig agieren. Wenn das Bedürfnis nach individueller Bereicherung größer als das Bedürfnis zu dienen ist, entsteht ein Ungleichgewicht. Was Gandhi uns gezeigt hat, ist, wie Gewaltlosigkeit in der täglichen sozialen und politischen Arbeit stattfinden kann. Dieser
Ansatz war neu und dafür schätze ich Gandhi am meisten.

Ich habe diesen Ansatz in meiner Arbeit für Tibet verfolgt. Die für mich grundsätzlichen Kriterien dieser Arbeit sind Wahrheit, Gewaltlosigkeit und Demokratie. Wo immer diese Prinzipien politisch vertreten werden, kann Kooperation stattfinden. Sie haben mir während meiner zehnjährigen Amtstätigkeit geholfen, politisch zu agieren. In der Auseinandersetzung mit den ökonomischen Problemen unserer Zeit habe ich ebenso Prinzipien für mich formuliert, die mir halfen, meiner politischen Arbeit nachzugehen.

Diese Prinzipien waren und sind:
Gewaltlosigkeit, ökologisches Denken, Nachhaltigkeit und Nützlichkeit für die Ärmsten der Armen. Wenn auch nur eines dieser Prinzipien nicht erfüllt ist, kann es sich nicht um ein Projekt handeln, das es wert wäre, weiterzuverfolgen.

UR: Wie schätzen Sie die momentane Situation in Tibet ein?

SR: Die Zukunft Tibets ist schwer vorauszusagen. Sie ist eng verknüpft mit China. Solange kein positiver Wandel in China passiert, wird sich auch in Tibet nichts zum Positiven wenden. Doch die tibetische Dharma-Tradition und die tibetische Kultur werden nicht verschwinden. Sie sind längst global verankert. Die tibetische Nation kann zerstört werden, doch die Essenz, das tibetische Wissen und die tibetische Kultur, werden leben.

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Menschliche Werte leben – Seine Heiligkeit der Dalai Lama in Hamburg

aus: BUDDHISMUSaktuell 4/14

Der Dalai Lama benannte in seinen Vorträgen unmissverständlich, wie sehr Religionen an den gegenwärtigen, zum Teil überaus gewalttätig ausgetragenen Konflikten in der Welt beteiligt sind. Er wies daraufhin, dass sogar im Namen von Religionen getötet wird und dies, obwohl im Zentrum aller Religionen Liebe und Mitgefühl stehen. Auch der Buddhismus, der im Westen ja oft als die Religion der Gewaltfreiheit gilt und idealisiert wird, sei dabei keine Ausnahme, wie die jüngsten Ereignisse in Myanmar und Sri Lanka zeigen, wo unter der Beteiligung buddhistischer Mönche Gewalt gegen Andersgläubige ausgeübt worden ist.

Angesichts dieser traurigen Tatsachen und den ganz aktuellen Bedrohungen und Morden durch Bewegungen wie den marodierenden IS (Islamischer Staat) rief er Buddhisten, Muslime, Hindus und Christen auf, ganz klar gegen die Gewalt, die im Namen ihrer jeweiligen Religion ausgeübt wird, Stellung zu beziehen, sich davon zu distanzieren und aktiv dagegen zu wenden. Er müsse, so der Dalai Lama, wenn er gegenwärtig all das sehe, den Atheisten zumindest teilweise Recht geben, dass Religionen ein doch erheblicher Teil des Problems seien, was ihn nicht davon abhalte, weiter Buddhist zu sein, aber ihn ansporne, sich für eine säkulare Ethik auf Grundlage allgemeiner menschlicher
Werte einzusetzen. Alle Menschen – sowohl diejenigen, die einer Religion angehören als auch „Nichtgläubige“ – sollten „universelle Verantwortung“ übernehmen und auf dieser Basis in Dialog miteinander treten.

Frieden zunächst im eigenen Herzen schaffen
Das 21. Jahrhundert bezeichnete der Dalai Lama als das Jahrhundert des Dialogs. Wenn wir nicht in der Lage seien, uns miteinander zu verständigen, hätten wir als Menschheit keine Chance. Unterschiede dürfen kein Anlass für Ausschluss sein, sondern dafür, dass  wir miteinander leben lernen. In diesem Zusammenhang betonte er sehr die Notwendigkeit der Erziehung der jüngeren Generationen zu Achtsamkeit, Mitgefühl und ethischem Handeln.

Er bezeichnete sich und seine Generation als Menschen des 20. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das große Fortschritte erzielt, aber auch Konflikte und mörderische Kriege und damit großes Leid hervorgebracht habe. Wenn das 21. Jahrhundert anders aussehen solle, müssten die jungen Menschen Frieden in der Welt schaffen, indem sie in sich selbst Frieden schafften und die anstehenden Probleme und Herausforderungen im Dialog mit anderen lösten. Er ermutigte die Anwesenden, in diesem Geiste aktiv zu werden, auf sich selbst zu vertrauen und dabei auch zu experimentieren und neue Wege auszuprobieren.

Allerdings, so mahnte er an, müsse die Geisteshaltung dabei stets auch Mitgefühl beinhalten. Zentral sei in diesem Zusammenhang, einen heilsamen Umgang mit den eigenen destruktiven Emotionen zu finden, denn sie ließen uns destruktiv handeln und unterminierten auch unser rationales Denken.

Etliche Fragen aus dem Publikum kreisten darum, welche Vorschläge der Dalai Lama angesichts der gegenwärtigen gewalttätigen Probleme in der Welt (Ukraine, Israel/Palästina, Syrien, Irak) zur Konfliktlösung habe. In seinen Antworten betonte
er immer wieder, dass er persönlich nicht die Probleme in der Welt lösen könne, sondern dass wir alle aufgerufen seien, entsprechende Initiativen zu ergreifen und nach Lösungen zu suchen. Wir als Menschen haben eine moralische Verantwortung für die Welt. Dazu müssten wir aber immer bei uns selbst beginnen und zunächst Frieden im eigenen Herzen schaffen. Nur dann könnten wir uns wirksam auch für Frieden und mitfühlendes Handeln im Außen einsetzen, zunächst in unserem näheren Umfeld, Familie, Beziehungen, dann in der Gesellschaft.

Unsere eigene Friedfertigkeit und unsere Fähigkeit, mit destruktiven Geisteszuständen umzugehen, seien eine wichtige Voraussetzung, aber natürlich noch keine Gewähr dafür, dass Dialoge wirklich zustande kommen.

Chancen und Grenzen des Dialogs
Dieses Thema wurde auch von einigen Veranstaltungen im Rahmenprogramm aufgegriffen. So in einer der Akademie der Weltreligionen (AWR) Hamburg zum Thema „Interreligiöser Dialog und Differenz. Wie ist Verständigung möglich?“ Auf dem Podium
saßen unter anderem der Direktor, Prof. Dr. Wolfram Weiße, dessen Stellvertreterin, die Professorin für Islamische Studien/ Islamische Theologie, Dr. Katajun Amipur, Dr. Carola Roloff (Jampa Tsoedron) und der Philosoph, Professor Dr. Michael Quante.

Hier wurde noch einmal die Dringlichkeit von Dialogen betont, aber auch die Grenzen und Probleme benannt. Wie können wir zum Beispiel mit Menschen in Dialog treten, die das gar nicht wollen? Wie einen Dialog führen, wenn die andere Seite den Anspruch erhebt, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein? Gibt es aber nicht auch für uns Werte und Rechte, die nicht verhandelbar sind? Zum Beispiel die Menschenrechte? Demokratie? Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen?

Und was ist mit den Frauen?
Besonders Letzteres war auch Thema der Veranstaltung „Aufbruch der Frauen im Buddhismus. Ist das Eis schon gebrochen?“, in der unter der Leitung von Dr. Thea Mohr, Thubten Chodron, Dr. Carola Roloff, Geshe Kelsang Wangmo und Sylvia Wetzel diskutierten. „Es geht voran“, sagte Thea Mohr, „langsam, aber sicher.“ Doch Fakt ist, dass es im tibetischen Buddhismus immer noch nicht die volle Nonnenordination gibt, auch wenn sich der Dalai Lama seit Jahren dafür stark macht und es 2007 dazu in Hamburg einen vielbeachteten Kongress gegeben hat.

Thubten Chodron, die in ihren eigenen Vorträgen zur „Arbeit mit Ärger“ und zum „Umgang mit Emotionen“ in sehr humorvoller Weise zeigte, was destruktive Gefühle mit überzogener Selbstzentriertheit zu tun haben, meinte, es ginge auch bei der Blockade gegen die Nonnenordination letztlich nicht um faktische Probleme, sondern um Emotionen wie Angst und Unsicherheit, zu deren Abwehr sich dann entsprechende Sachargumente gesucht würden. Aber Emotionen seien veränderbar, so ihr Tenor, die Arbeit mit ihnen sei immerhin Teil der Geistesschulung.

Carola Roloff betonte, dass es wichtig sei, bei der Adaption des Buddhismus im Westen Sorgfalt walten zu lassen und nicht Formen zu verankern, die unserem Verständnis von
Menschenrechten und Demokratie widersprächen. Religionsfreiheit sei nicht so absolut zu setzen, dass die Geschlechtergerechtigkeit dabei unter den Tisch falle. Sylvia Wetzel erinnerte daran, dass der tibetische Buddhismus quasi aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert worden und dies stets zu berücksichtigen sei, allerdings höre es mit ihrer Geduld auf, wenn westliche Lehrende hierarchische Strukturen verteidigten, die einseitig Männern zugutekämen und immer noch eine männliche Wiedergeburt favorisierten. Geshe Kelsang Wangmo, die weltweit erste Frau mit einem Geshe-Titel (siehe BA 4 /2013), erzählte von den Problemen, aber auch der großen Unterstützung, die sie als die einzige Frau in ihrer Klasse durch ihre Mönchskollegen erfahren hatte.

Die gegenwärtige Situation der Nonnen/Frauen im tibetischen Buddhismus spiegelte sich nicht zuletzt in der Sitzordnung auf der Bühne, als der Dalai Lama am zweiten und dritten
Tag unter dem Titel „Das Leben meistern durch Geistesschulung“ Belehrungen zu Shantidevas „Eintritt in das Leben zur Erleuchtung“ gab (www.auditorium-netzwerk.de).

In der ersten Reihe rechts und links vom Dalai Lama saßen nur tibetische Mönche und erst in den Reihen dahinter auch Nonnen. Der Dalai Lama bat dann aber Geshe Kelsang Wangmo, sich direkt neben den Übersetzer Christoph Spitz zu setzen.

Avalokitesvara – der Buddha des Mitgefühls
Am letzten Tag seines Besuchs gab der Dalai Lama noch eine Einweihung in Avalokitesvara, den Buddha des Mitgefühls. Auf die Frage eines Besuchers, was ihm die Kraft gebe, weiterzumachen trotz der oft so hoffnungslos erscheinenden Situation in der Welt und der vielen Rückschläge, auch was die Situation in Tibet angehe, sagte der Dalai Lama, sein Leben sei ganz dem Dienst an anderen gewidmet, das gebe ihm die Kraft – ihm, der als Dalai Lama als die Verkörperung Avalokitesvaras gilt.

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Achsame Kommunikation – die Sprache des Herzens

Ein Gespräch mit STEFFI HÖLTJE und MARGRET DE BAKERE darüber, wie wir in unserer Kommunikation Türen öffnen, statt Fenster schließen und auch in herausfordernden Gesprächssituationen wertschätzend bleiben können.

aus: BUDDHISMUSaktuell 1/14

Ursula Richard: Ihr leitet Kurse und Workshops in Achtsamer Kommunikation. Wie würdet ihr sie definieren, vielleicht auch im Unterschied zur Gewaltfreien Kommunikation?

Steffi Höltje: Ich würde sagen, wir unterrichten Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall B. Rosenberg eingebettet in die Achtsamkeitspraxis in der Tradition von Thich Nhat Hanh. Achtsame Kommunikation ist der Begriff, mit dem wir diese Kombination in knappe Worte zu fassen versuchen. Oft nennen wir sie auch Sprache des Herzens.
Als Margret und ich vor 20 Jahren zum ersten Mal in Plum Village – dem Zentrum von Thich Nhat Hanh in Frankreich – waren, hat uns das respektvolle und herzliche Miteinander, das wir in der Gemeinschaft dort erlebten, zutiefst bewegt. Einfühlsames Zuhören und liebevolles Sprechen fanden in vielen, in den Alltag integrierten Übungen ihren konkreten Ausdruck. Seitdem ist Kommunikation eines der wichtigsten Dharma-Tore für mich, und ich bin dankbar, in Thich Nhat Hanh einen Lehrer zu haben, der die „Rechte Rede“ sehr in den Fokus der Achtsamkeitspraxis gerückt hat, indem er viele Übungsformen wie z. B. Blumenwässern, Neubeginn, Friedensvertrag entwickelt hat.

Nach einigen Jahren habe ich dann die Gewaltfreie Kommunikation als einen weiteren kraftvollen Übungsweg entdeckt. Für mich war es eine Offenbarung, mir meine Worte genauer anzuschauen. Immer tiefer zu verstehen, welche Worte in der Kommunikation – um es mit Rosenberg zu sagen – Fenster öffnen oder Mauern errichten. Mehr und mehr habe ich erfahren, wie Gewalt in Worten zum Ausdruck kommen kann durch Verurteilungen, Schubladendenken, Vorwürfe, Interpretationen, Schuldzuweisungen, Lob und Tadel, eisiges Schweigen – manchmal in sehr subtilen Formen.

Sowohl in unserem persönlichen Leben als auch in unseren Seminaren erleben wir immer wieder, dass sich die Achtsamkeitspraxis und die Gewaltfreie Kommunikation wunderbar ergänzen und gegenseitig befruchten können; es sind Herzenswege, die uns helfen können, in Kontakt mit dem Wesentlichen zu kommen.

 UR: Welches sind die wichtigsten Werkzeuge der Achtsamen Kommunikation? Wodurch kann sie wirksam werden?

SH: Zum einen ist es für uns die Einbettung in die grundlegende Achtsamkeitspraxis – bewusstes Atmen, Gehen, Sitzen, Mettapraxis. Die Fähigkeit zum Innezuhalten und Stoppen zu kultivieren, um überhaupt erst einmal in der Lage zu sein, wahrzunehmen, was gerade in mir und um mich herum geschieht.

Auf diesem Boden kann sich dann der konkrete Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation entfalten. Was ich daran schätze, ist die Klarheit und die Struktur, die mich unterstützen, meine Achtsamkeit vom Kissen in den Alltag zu bringen – aus der Stille in den Austausch – von der Verbindung mit mir in die Verbindung mit anderen. Um aus dem Raum des Richtig und Falsch, des Rechthabenwollens“, der Enge und Kontraktion, in den Raum des Verbundenseins und der Weite zu wechseln, gibt es als Basis-Handwerkszeug die vier Schritte/Komponenten, mit denen wir herausfordernde Situationen betrachten und zu einem tieferen Verstehen von uns selbst und unserem Gegenüber gelangen können:

1 Beobachtung – was hat jemand gesagt oder getan? Die Fakten benennen, klares Betrachten der Situation ohne Interpretation und Bewertung.
2 Welche Gefühle löst diese Beobachtung in mir aus? Mir den Raum geben, Gefühle im Körper zu spüren.
3 Auf welche Bedürfnisse machen mich diese Gefühle aufmerksam?
4 Welche konkrete Bitte kann ich stellen, die dazu beiträgt, dass meine Bedürfnisse im Hier und Jetzt mehr ins Leben kommen?

Habe ich Klarheit für mich selbst erlangt, dann kann ich meine Aufmerksamkeit auf mein Gegenüber lenken und mich fragen: „Wie fühlt sie/er sich? Was braucht er/sie? Was sind ihre/seine Bedürfnisse?“ In der Gewaltfreien Kommunikation geht es immer darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten im Blick zu haben und gemeinsam nach Wegen zu suchen, die für alle stimmig sind.

Für mich sind diese einfachen – in der Umsetzung allerdings oft herausfordernden – Schritte eine große Unterstützung, mich nicht in Geschichten, Interpretationen oder Schuldzuweisungen zu verlieren. Es bietet mirdie Möglichkeit, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und mir immer wieder bewusst zu machen, dass meine Gefühle zwar durch eine bestimmte Situation oder Person ausgelöst werden können, sie aber letztlich in meinen erfüllten oder unerfüllten Bedürfnissen begründet sind.

Ich öffne mich für mein Menschsein und sehe auch den Menschen in meinem Gegenüber. Konkreter Ausdruck für diese „Menschlichkeit“ sind die Gefühle und Bedürfnisse, die wir alle haben. „Alle Menschen möchten einfach glücklich sein“ – mir dies immer wieder zu vergegenwärtigen kann Verbindung und Verstehen auf tieferer Ebene möglich machen.

Im spirituellen Kontext ist es meistens hilfreich, den Begriff Bedürfnis etwas genauer zu betrachten, denn dort wird „Bedürfnisse haben“ oft in einem Atemzug mit Anhaftung genannt. Ich kann für das Wort Bedürfnis auch andere Worte verwenden wie z. B. Lebensenergie, Lebensmotiv oder Werte. So hat diese Lebensenergie, die durch mich hindurchströmt und mich dazu motiviert zu handeln, in unterschiedlichen Situationen jeweils eine andere Färbung. Mal habe ich ein Bedürfnis nach Klarheit, mal nach Nähe, Sinn, Beitragen, Ruhe, Bewegung Bedürfnisse im Kontext der Gewaltfreien Kommunikation sind immer positiv und lebensdienlich.

Die konkreten Wege, die ich wähle, um mir ein Bedürfnis zu erfüllen, können hingegen heilsam oder aber unheilsam für mich und andere sein. Habe ich z. B. abends das Bedürfnis nach Entspannung und Ruhe, wäre ein Spaziergang in der Natur wahrscheinlich wohltuender, als den Abend surfend im Internet zu verbringen.

Die Frage der Anhaftung oder Freiheit könnte im vierten Schritt als Thema auftauchen, da, wo meine Lebensenergie ihren Ausdruck in konkreten Bitten an mich selbst und andere findet. Ich bitte meinen Partneroder meine Partnerin z. B.: „Ich wünsche mir Unterstützung und Gemeinschaft. Hast du Lust, abends gemeinsam mit mir zu meditieren?“

Wenn ich auf diese Bitte erst einmal ein Nein höre, habe ich dann die Flexibilität und Kreativität, andere Wege zu finden, die auch für meine Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Unterstützung sorgen? Es kann viel Raum und Freiheit entstehen, wenn ich nicht an meinem „Lieblingsweg“ anhafte, wie ich mir einbestimmtes Bedürfnis erfüllen möchte.

 UR: Ist Gewaltfreie oder Achtsame Kommunikation primär eine Technik oder ein innerer Prozess?

Margret de Backere: Für mich ist dieser Ansatz in erster Instanz ein innerer Prozess und ein spiri-tueller Übungsweg. Wenn ich nur an meinen Worten und Formulierungen bastele, ohne dass meine innere Haltung sich wandelt, dann wird sich sehr wahrscheinlich die Qualität der Verbindung, die ich mir wünsche, nicht entfalten. Verweile ich innerlich weiterhin im Raum des „Rechthabens“, dann schwingt dies in meinen Worten mit, und mein Gegenüber fängt diese Botschaft auf.

Zugleich ist es sehr hilfreich, mir die Worte die ich wähle, genau anzuschauen, denn sie können ein Tor zu meiner Gedankenwelt und meiner inneren Haltung sein. Wenn ich z.B. sage: „Ich fühle mich hintergangen“, bringe ich nicht nur ein Gefühl zum Ausdruck, sondern hauptsächlich meine Interpretation des Geschehens.

Es gibt jemanden, der/die mich hintergeht! Schaue ich tiefer, werden mir vielleicht noch mehr verurteilende Gedanken über mich und die andere Person bewusst. Kehre ich zu meinem ganz ursprünglichen Gefühl zurück, spüre ich vielleicht Traurigkeit oder Einsamkeit. Für mich ist es oft hilfreich, erst einmal zu merken, aus welcher Haltung heraus ich reagiere oder agiere. Ich werde mir viele, viele Male bewusst, dass ich in dem Raum der Abtrennung bin, und kann mich dann für den Raum der Verbindung entscheiden. So kann sich meine innere Haltung langsam wandeln in Richtung Offenheit, Verstehen und Mitgefühl.

Der innere Prozess ist mir auch noch in anderer Hinsicht wichtig. Die meisten von uns verwenden relativ viel Zeit und Energie auf die Fragen „Wie sag ich’s?“ und „Wie wird mein Gegenüber reagieren?“ Meiner Erfahrung nach kann mehr Klarheit entstehen, wenn ich mehr Energie auf die Frage richte: „Was möchte ich zum Ausdruck bringen?“ – das heißt, was sind meine Gefühle und Bedürfnisse? Was ist meine Botschaft? Also meine Aufmerksamkeit erst einmal auf den inneren Klärungsprozess lenke.

 UR: Kann ich Achtsame Kommunikation auch nutzen, wenn mein Gegenüber nicht damit vertraut ist und vielleicht eher konfrontativ kommuniziert? Wie könnte das aussehen?

MdB: Das ist die am häufigsten gestellte Frage in unseren Seminaren! Ja, selbst wenn mein Gegenüber noch nie etwas von Achtsamer Kommunikation gehört hat, habe ich selbst die Freiheit, mir eine Atempause zu gönnen und meine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Ich kann mich mit mir selbst verbinden und so zu mehr Klarheit und Authentizität finden, und das spiegelt sich in den Worten, die ich wähle, wieder. Und ich kann mich in der Stille mit meinem Gegenüber verbinden, indem ich ihre/seine Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren versuche.

Damit signalisiere ich auch unausgesprochen meine Bereitschaft „zu verstehen“, und das wird in unserem Kontakt mitschwingen. Das empathische Zuhören/Hinhören ist in der Gewaltfreien und auch der Achtsamen Kommunikation mindestens genauso wichtig wie das Aussprechen meiner Botschaft.

Thich Nhat Hanh hat einen wunderbaren Text geschrieben für die Anrufung des/der Bodhisattva Avalokiteshvara. Darin gibt es eine Stelle, die lautet: „Wir werden dasitzen und so aufmerksam zuhören, dass wir wirklichwahrnehmen können, was die andere Person sagt, und auch, was sie nicht sagt.“ Dieser Text ist immer wieder eine kraftvolle Erinnerung für mich.

In sehr schwierigen Auseinandersetzungen helfen mir auch immer wieder dieWorte Rumis: „Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort, an dem wir uns begegnen.“

UR: In Gruppendiskussionen oder Versammlungen fällt mir immer wieder auf, wie wenig wertschätzend wir oft miteinander kommunizieren. Es scheint, als wären unsere Gewohnheitsenergien, selbst wenn wir schon jahrelang praktizieren, eher in Richtung Kritik und Rechthabenwollen ausgebildet. Wie können wir die zarten Pflänzchen der Wertschätzung mehr zum Wachsen bringen? Wie unserer starken Neigung zur Rechthaberei begegnen?

SH: Ja, das kommt mir bekannt vor. Da sitze ich morgens erfüllt von Metta auf meinem Kissen und am Nachmittag in einer angespannten Besprechung und „meine liebende Güte“ scheint weit abgetaucht zu sein (bin eher erfüllt von „du meine Güte“). Aber eben auch nur abgetaucht durch ein paar Erinnerungsrufe taucht sie vielleicht wieder auf. Manchmal braucht es Mut und Kreativität, kleine Rituale in unsere Gesprächskultur zu integrieren, die uns daran erinnern, aus den Gewohnheitsenergien auszusteigen.

So kann es z. B. hilfreich sein, Versammlungen mit einer kurzen Stille zu beginnen und/oder einen inspirierenden Text zu lesen, um die Energie der gemeinsamen Ausrichtung spürbar werden zu lassen. In der Stille kann sich jede/jeder Einzelne erinnern, mit welcher Haltung er oder sie in diesem Meeting sein möchte. Es kann auch eine unterstützende Erfahrung sein, während der Zusammenkunft immer mal wieder eine Glocke der Achtsamkeit erklingen zu lassen, die uns zu einem kurzen Innehalten einlädt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn jede Zusammenkunft in den unterschiedlichsten Kontexten wie Schule, Büro, soziale Einrichtungen, Meditationskreis, Familie mit einer kurzen Metta-Meditation für mich selbst und alle im Raum Anwesenden beginnen würde. Bei dieser Vorstellung kommt viel Freude und Hoffnung in mir auf – und auch die Lust am Experimentieren!

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Teamsupervisionen mit einer Wertschätzungs/-Freudenrunde zu beginnen. Die Teammitglieder benennen konkrete Situationen, in denen für sie etwas gut gelaufen ist und welche ihrer Bedürfnisse sich dadurch erfüllt haben. Dies kann eine konkrete Möglichkeit sein, aus der Gewohnheitsenergie des Kritisierens und der Negativität auszusteigen.

Ein Beginn mit Wertschätzung und Freude hebt den Energiepegel im Raum meistens deutlich an und bereitet den Boden, angespannte Themen mit mehr Entspannung anzugehen.

MdB: Vielleicht können wir uns als spirituell Praktizierende in solchen Diskussionen oder Versammlungen zugestehen, dass auch wir wunde Punkte haben, dass Verletzungen sich in unser Speicherbewusstsein eingenistet haben (vielleicht schon über Generationen), dass wir noch mehr aus dem Ego heraus handeln, als uns lieb ist. Vielleicht sehen wir sie als Einladung, nicht nur Wortkosmetik zu betreiben, sondern uns tiefer auf das Praxisfeld der Achtsamen Kommunikation einzulassen und den Mut zu haben, unsere teils sehr negativen und zerstörerischen Gedankeninhalte anzuschauen und zu verwandeln.

Vielleicht trägt es zu Wohlwollen, Offenheit und Klarheit bei, wenn wir uns aufrichtig als Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen begegnen. In dem klaren Wissen, dass wir nicht vollständig identifiziert sind mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen, dass wir viel mehr sind! Aber hier und jetzt machen sie einen Teil von uns aus. Das zu sehen und mich damit zu zeigen erfordert Mut zur Verletzlichkeit.

UR: Was wären für euch Bausteine einer Kultur der Wertschätzung?

SH: In unseren Kursen beobachten wir, dass die Bedürfnisse nach Wertschätzung und Anerkennung zu den meist genannten zählen. Es scheint, dass so viele von uns zutiefst internalisiert haben: „Ich bin nicht gut genug.“ Diese Überzeugung kann großes Leiden hervorrufen, das sich oft in einem enormen Hunger nachWahr- und Angenommenwerden im eigenen So-Sein ausdrückt.

Wertschätzung haben viele von uns als Kinder (und heute noch als Erwachsene) vielleicht oft nur in Form von Beurteilung oder Lob erfahren – meist mit der Absicht, uns zu mehr Leistung, besserem Funktionieren zu bringen oder in eine bestimmte gewünschte Richtung zu „erziehen“. Diese Form der Wertschätzung führt nicht unbedingt zu mehr Selbstvertrauen, Authentizität und Verbundenheit, sondern eher in Richtung Konkurrenz, Abgrenzung, Ego-Aufbau und Vereinzelung.

Mir haben die Impulse von Rosenberg geholfen, aus einer neuen Perspektive auf Wertschätzung zu blicken. Wenn wir Wertschätzung brauchen, wollen wir vielleicht gar nicht jemanden, der uns sagt, wie toll wir sind oder wie schön wir etwas machen, sondern wir möchten in dem Moment eine klare Rückmeldung, ob das, was wir sagen oder tun, das Leben der anderen bereichert. Denn wir erleben oft tiefe Freude, wenn sich unsere Bedürfnisse nach Beitragen, Sinnhaftigkeit und Wirksamkeiterfüllen.

Es kann viel Klarheit und Verbindung entstehen, wenn wir unsere Wertschätzung präziser zum Ausdruck bringen. Wenn wir Wertschätzung nicht in „Du bist …“- Botschaften formulieren, sondern uns die Zeit nehmen, Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Wertschätzung von meinem Gegenüber empfangen wird und wirkliche Seelennahrung ist.

Wir hören auf, uns gegenseitig zu bewerten, steigen aus dem Spiel von Lob und Tadel aus und können einander so auf Augenhöhe begegnen.

Spannend ist auch die Frage, mit welcher Intention wir Wertschätzung geben? Haben wir den heimlichen Wunsch, dass die Person, der wir wertschätzend gegenübertreten, sich auch in Zukunft so positiv verhält? Oder möchten wir einfach im Hier und Jetzt unsere Freude und Dankbarkeit über das Erlebte teilen – ist es also mehr ein gemeinsames Feiern? Wertschätzung kann so zu einem Feld werden, in dem ich Absichtslosigkeit kultiviere.

MdB: Thich Nhat Hanh hat die Praxis des Blumengießens entwickelt, um die Energie der Wertschätzung und Dankbarkeit mehr in unseren Alltag zu integrieren. Das Format ist einfach und bietet viele Möglichkeiten zur kreativen Anpassung an den jeweiligen Kontext. Man sitzt zusammen als Paar, Familie, Team oder Meditationsgruppe, es steht eine Blume in der Mitte, und wer eine Wertschätzung zum Ausdruck bringen möchte, nimmt die Blume und beginnt zu sprechen.

Die Blume während des Sprechens in den Händen zu halten kann uns an die Schönheit und Einzigartigkeit erinnern, die wir in uns und anderen würdigen möchten. Steffi und ich haben mit der Praxis des „Blumengießens“ eine sehr lehrreiche und berührende Erfahrung gemacht.

Nach unserem zweijährigen Aufenthalt in Plum Village lebten wir gemeinsam mit Menschen mit geistiger Behinderung in einer Hausgemeinschaft. Jeden Samstag war unser Gemeinschaftsabend mit festlich gedecktem Tisch, Essen in Schweigen und anschließendem „Blumengießen“. Nachdem wir es beim ersten Mal erklärt hatten und die Blume dann in der Mitte stand, nahm einer unserer Mitbewohner die Blume und legte los: „Ich finde gut, dass ich Beate geholfen habe, in den Rollstuhl zu kommen. Ich bin stolz, dass ich diese Woche nur drei Tafeln Schokolade gegessen habe. Ich habe viel Musik gemacht.“

So begann er den Reigen mit ausführlicher Selbstwertschätzung, bevor er sich mit gleicher Großzügigkeit den anderen zuwandte. Für uns war es ein Aha-Erlebnis. Seine Worte waren so stimmig und natürlich, und es zeigte sich in diesem Moment sehr klar, dass Wertschätzung, die von Herzen kommt, in Selbstannahme und Selbstwertschätzung gründet. Und wenn ich mir selbst Wertschätzung schenken kann, fällt es mir auch immer leichter, Wertschätzung von anderen freudig zu empfangen.

Wir haben das „Blumengießen“ über mehrere Jahre in unserer Hausgemeinschaft praktiziert und dabei manchmal wahre Wunder erlebt, wie Menschen in dieser wohlwollenden Energie aufgeblüht und über sich selbst hinausgewachsen sind.

Ein bewusster Umgang mit Wertschätzung ist in unseren Augen einer der wichtigsten Bausteine, aus denen eine umfassende und authentische Kultur der Wertschätzung erwachsen kann. Den Geist immer wieder erneut ausrichten auf das Potenzial und die Fülle in mir und in dir, damit Dankbarkeit zu einer Kraftquelle werden kann.

 UR: Gibt es vielleicht vier oder fünf Dinge, an die zu erinnern in schwierigen Gesprächssituationen hilfreich sein kann?

SH: Ja, ganz kurz und knackig für den Notfall:

1 Mir eine Atempause nehmen, Zeit gewinnen, spüren.

2 Mich daran erinnern, dass es mir vorrangig umVerbindung geht.

3 Es mir wichtiger ist, meine Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, als dass sie jetzt Erfüllung finden.

4 Mir die Frage stellen: Will ich recht haben oder glücklich sein?

5 Mein Gegenüber als Mensch sehen, der auch nur glücklich sein will.

 UR: Was hat all dies mit buddhistischer Praxis zu tun?

MdB: Wir praktizieren, um mehr Verstehen, Liebe und Mitgefühl in uns zu entwickeln und die Illusion des Abgetrenntseins mehr und mehr aufzulösen. Und so unser Herz immer weiter für uns selbst und andere zu öffnen. Unsere Beziehungen mit der dazugehörigen Kommunikation bieten sich dafür als Entwicklungs-Schnellkochtopf an.

Rechte Rede ist ein Glied des Achtfachen Pfades, wahrhaftige, wohlwollende Kommunikation die vierte der fünf silas oder – wie Thich Nhat Hanh sie nennt – Achtsamkeitsübungen. So heißt es dort z. B.: „Im Wissen, dass Worte sowohl Glück als auch Leiden hervorrufen können, bin ich entschlossen, wahrhaftig zu sprechen und Worte zu gebrauchen, die Vertrauen, Freude und Hoffnung wecken …“

Sobald wir das Feld der Rechten Rede be-ackern, sind wir unweigerlich mit den anderen Gliedern des Achtfachen Pfades in Kontakt, vor allem mit Rechtem Denken, Rechter Anschauung und Rechter Bemühung. In der alltäglichen Kommunikation kommen wir oft schnell und unausweichlich mit unseren wunden Punkten und unserem alten Schmerz in Berührung.

Unsere Geistesformationen können uns auf diese Weise bewusster werden, sodass wir mit ihnen arbeiten können. Rechte Rede ist für mich ein sehr unmittelbares Feld der Geistesschulung und Transformation.In der absichtslosen Wertschätzung können dana – großzügiges Geben von Herzen – und mudita – Mitfreude/ Freude – in wunderbarer Weise zum Ausdruck kommen.

 UR: Wie kann ich beginnen?

MdB: Indem du den Stein des liebevollen, wertschätzenden Umgangs mit dir selbst ins Wasser wirfst. Dich um deine Selbstverurteilungen kümmerst. Deine Qualitäten erkennst und würdigst. Und von dort ganz natürlich die Kreise weiter werden lässt.;

 

 

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In der Obhut meines Blicks – Ein Gespräch mit der Autorin und Achtsamkeitslehrerin Margrit Irgang

aus: BUDDHISMUSaktuell 4/14

Ursula Richard: Sie haben, wie zu Beginn Ihres Buches Leuchtende Stille. Auf der Suche nach dem achtsamen Leben zu lesen ist, zwei Jahre lang ein Journal geführt, um die Spuren Ihrer Zen-Übung im Alltag zu finden. Was hat Sie zu dieser Spurensuche inspiriert?

Margrit Irgang: Vor ein paar Jahren wurde mir die Aussage des Zen „Es gibt nichts zu erreichen“, die ich schon Dutzende Male gehört hatte, plötzlich in ihrer ganzen Tiefe bewusst. Ja, tatsächlich – dies ist es schon! Eigentlich eine banale Erkenntnis, und ich bemerkte auch erst später, dass sich mein Leben subtil verändert hatte. Ich hatte keine Ziele mehr, plante nichts, erhoffte nichts, aber Befürchtungen hatte ich auch nicht mehr.

Es war ein merkwürdiger Zustand, und ich dachte: Also gut, jetzt will ich mir jeden einzelnen Augenblick ganz genau anschauen. Und dann habe ich aufgeschrieben, was mir begegnet ist, vom Zusammennähen der gestrickten Socke bis zum Gespräch mit Physikern über die Gemeinsamkeiten zwischen Quantenphysik und Buddhismus.

Im Zen gibt es ja den Ausspruch, man solle keine Spuren hinterlassen. Sie scheinen dennoch fündig geworden zu sein. Können Sie ein, zwei Beispiele geben?

Eine der wertvollsten Lehren, die mir meine Zen-Praxis erteilt hat, ist die Würdigung auch der Momente, die mir unangenehm sind. Ich beschreibe in meinem Buch, wie ich im Supermarkt einen Käse kaufen will und mich ein plötzlicher Ekel vor der Überfülle an Lebensmitteln überfällt. Gleich liefert mir mein Ego auch einen ehrenwerten Grund dafür, nämlich die armen hungernden Kinder in Somalia; aber natürlich war es mein eigener Geisteszustand, der sich da zeigte. Zen hat mich gelehrt, Gefühle und Gedanken dieser Art einfach wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten, mich dafür zu tadeln oder zu schämen. Auch das, was ich in mir und um mich herum nicht mag und früher vielleicht mit etwas „Schönem“ zugedeckt hätte, ist die Wahrheit des Augenblicks und darf sein. Im Buch gehe ich dann nach Hause und esse ein Butterbrot.

Haben Sie die Spuren Ihrer Zen-Übung im Alltag selbst gefunden oder zeigten sie sich in Ihrem Blick auf den Alltag?

Zen interessiert sich ja für das Wie, nicht für das Was, und das, was ich sehe, wird durch die Qualität meines Blicks darauf gefärbt. Im Deutschen gibt es den Begriff „wahrnehmen“, darin steckt das mittelhochdeutsche „Wahr“, und das bedeutete Aufmerksamkeit, Obhut. Wenn ich etwas wahrnehme, nehme ich es also in die Obhut meines Blicks. Welch eine wertschätzende, liebevolle Tätigkeit verbirgt sich doch darin! In der Obhut meines Blicks darf sich das Angeschaute unverstellt zeigen, auch in seiner Hässlichkeit oder Gewalttätigkeit.

Viele buddhistisch Praktizierende sehen sich mit dem Problem konfrontiert, wie sie eine Brücke schlagen können zwischen der Praxis auf dem Kissen, also der Meditation, und dem alltäglichen Leben. Was würden Sie ihnen auf dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen empfehlen? Kann auch da ein In-den-Blick-Nehmen des Alltags, wie Sie das getan haben, hilfreich sein?

Ich mag den Zen-Begriff „Anfängergeist“. Wenn wir etwas zum ersten Mal sehen, sind wir hellwach und interessiert. Beim fünften Mal ist es ein gewohnter Anblick geworden. Ich schalte manchmal meinen Blick um und gehe einen Weg, den ich „im Schlaf“ kenne, als würde ich ihn zum ersten Mal gehen. Was ich da an Details entdecke! Auf einmal weiß ich nicht mehr, was mich hinter der nächsten Ecke erwartet, und ich muss mich fragen: Macht mich das neugierig oder eher unsicher und besorgt? Das wäre eine kleine Zen-Übung für den Alltag: Sich immer wieder dem Anfängergeist und somit dem Nichtwissen aussetzen.

Sie bezeichnen sich auch nach jahrzehntelanger Zen-Praxis noch als Schülerin des Zen. Wer ist Ihr Lehrer? Ein bestimmter Mensch oder das Leben selbst?

Ich nenne mich ja im Buch einmal eine „Schülerin des Augenblicks“. Wenn ich meinen Herz-Geist nicht verschließe, lerne ich von allem, was mir begegnet. Kleine Kinder sind großartige Zen-Meister: Sie demontieren dein Ego gnadenlos und konfrontieren dich mit jeder Unaufrichtigkeit. Meine Katzen waren auch gute Lehrer. Im Lauf meiner 30-jährigen Zen-Schulung war ich „offizielle“ Schülerin etlicher Lehrerinnen und Lehrer, und von jedem habe ich etwas gelernt.

Am stärksten verbunden fühle ich mich mit Thich Nhât Hanh. Ich bin ihm 1992 begegnet und bin Mitglied seines Ordens Intersein. Seine Persönlichkeit und Lebensleistung verehre ich, und er hat mir gezeigt, wie ich mithilfe einfacher Mittel wie dem Innehalten und Atmen im Alltag jederzeit Geist und Körper wieder zusammenbringen kann. Dann wird jeder Raum zum Zendo und jeder Augenblick kann Praxis sein.

Was ist Zen für Sie? Hat es für Sie eine buddhistisch-religiöse Dimension? Wenn ja, worin drückt sie sich für Sie aus?

Zen ist viel mehr als Religion: Es ermöglicht mir die Erfahrung des geistigen „Raumes“, aus dem heraus letztendlich alle Religionen entstanden sind. Das Interesse von Buddha war es ja nicht, eine Religion zu gründen; er wollte den Menschen aus der Tiefe seines Mitgefühls den Weg zum Beenden des Leidens zeigen. Deshalb fordert uns Thich Nhât Hanh immer wieder auf, nicht Buddhisten zu werden, sondern Buddhas. Natürlich
gibt es auch in Zen-Schulen diverse Rituale, aber die Praxisanweisung im Zen ist sehr einfach: Setz dich vor die Wand, beruhige deinen Geist und schau, was dann passiert. In dieser Klarheit und Abwesenheit von allem Überflüssigen atme ich auf und fühle mich frei.

Wie drückt sich Zen in Ihrer Arbeit am Wort, also als Schriftstellerin aus?

Als Schriftstellerin bin ich vor allem dankbar dafür, dass niemand
mir vorformulierte Erkenntnisse, Glaubenssätze oder
Göttergestalten präsentiert. Die weiße Wand, vor der ich sitze,
ist wie das weiße Blatt Papier: Ich darf für meine Erfahrung
meine eigene Sprache finden. Und weil das Wesen einer solchen
Erfahrung sich allen Begriffen entzieht, gibt es nur eine
Sprache, die dem Zen gemäß ist, und das ist die poetische. Poesie
lässt das Nicht-Sagbare aufscheinen, im Raum zwischen
den Worten.

Am Ende Ihres Buches schlagen Sie die Gründung einer neuen Schule vor, die nicht mehr den Zusatz „Zen“ benötigt und stattdessen die Schule der brechenden Herzen“ heißen könnte. Was kann man sich unter diesem etwas pathetisch und martialisch klingenden Namen vorstellen? Worum geht es
Ihnen bei diesem Bild?

Ich habe mich viel mit dem Thema Schmerz auseinandergesetzt und halte den Schmerz für das größte Dharmator. Wenn deine Partnerin stirbt oder du selbst mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert wirst, ist das der Moment, in dem du erwachen kannst. Aber keiner von uns geht freiwillig durch dieses Tor.

Lieber weben wir eine Geschichte um den Schmerz, bedauern uns, betäuben uns mit Ablenkungen. Wir erschaffen das, was der Buddha „Leiden“ nennt. Deshalb entwerfe ich im Buch die Gestalt des großen Zen-Meisters „Schmerz“, der sich selbst seine Schüler aussucht, keine Ausflüchte duldet und uns mit sanfter Stimme und schlichten Anweisungen im heißen, weißen Feuer des Schmerzes ausharren lässt. Dann wird alles Egozentrische, Künstliche in uns einfach verbrannt, und übrig bleibt der Diamant. Das, was wir wirklich sind und seit jeher waren.

In Ihrem Buch erscheint Zen in gewissem Sinne als etwas sehr Persönliches, Individuelles. Welche Rolle spielt für Sie Sangha, Gemeinschaft?

Jede Zen-Erfahrung ist für mich zutiefst persönlich, ein intimes Geschehen zwischen mir und dem Wesen des Augenblicks. Da ist es egal, ob ich mitten auf dem Marktplatz bin oder alleine in einer Hütte auf einem Berg. Sangha als Gemeinschaft der Praktizierenden sehe ich als ein Übungsfeld, in dem wir lernen können, dass „Sangha“ tatsächlich das Wesen des Universums ist: die wechselseitige Verbundenheit alles Seienden, in die ich
immer eingebettet bleibe. Eine Erfahrung der Verbundenheit kann ich überall machen. In den Meditationsseminaren, die ich gebe, erschaffen wir miteinander für ein paar Tage Sangha.

In der Stille und Geborgenheit der Gruppe sehen die Menschen, dass die Art, in der wir gehen, sprechen, essen, unmittelbar Auswirkungen hat auf alle anderen. Dann gehen sie nach Hause und erkennen vielleicht, dass auch eine Familie Sangha ist, ein Arbeitsteam, eine Stadt; dass zur Sangha der Menschheit auch die Tiere, Pflanzen und Mineralien gehören. Diese Verbundenheit immer tiefer zu erfahren und im Denken, Sprechen und Handeln auszudrücken – das ist Zen, wie ich es verstehe und liebe.

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